(Anmerkung: Diese dreiteilige Artikelserie wurde aus der in der Türkei erscheinenden Tageszeitung „evrensel“ vom Türkischen ins Deutsche übersetzt. Die Texte wurden zwischen dem 10. und dem 24. Januar 2026 veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung dieser Artikel möchten wir zu einem besseren Verständnis der Entwicklungen in Venezuela beitragen. Ziel ist es, den politischen und wirtschaftlichen Charakter sowie die Entwicklung des Landes nachvollziehbarer zu machen und zugleich über verbreitete Illusionen über das Konzept des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, die auch in Deutschland existieren, aufzuklären.)
I.
Nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro wurden die Details der Operation diskutiert, ob es Akteure innerhalb des Regimes gab, die mit den USA zusammenarbeiteten, und welche Bedeutung der Fall im Kontext des Völkerrechts sowie der Rivalität zwischen den USA und China hat. Diese Debatten wurden geführt und werden weitergeführt werden. Ein weiterer, ebenso wichtiger Aspekt ist jedoch die Frage, wie das politische und wirtschaftliche Projekt, das mit Hugo Chávez begann und als „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, an diesen Punkt gelangen konnte. Was war dieser „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, der mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch unter Maduro und dem erneuten Versuch der USA, ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Venezuela durchzusetzen, offenbar endgültig gescheitert ist – und warum ist er gescheitert?
Zunächst ist festzuhalten, dass die venezolanische Wirtschaft in hohem Maße von Öleinnahmen abhängig ist. Diese Abhängigkeit stellte historisch stets ein Hindernis für die Industrialisierung dar. Es entstand eine Wirtschaftsstruktur, in der Öl exportiert wurde, während fast alle anderen Güter importiert werden mussten. Dies führte zugleich zum Zerfall der Landwirtschaft, sodass das Land selbst bei grundlegenden Lebensmitteln vollständig auf Importe angewiesen wurde. Die Phase des Wohlstands, die mit steigenden Ölpreisen in den 1970er Jahren einherging, endete zu Beginn der 1980er Jahre. In den 1980er Jahren geriet die Wirtschaft in eine lange Phase der Stagnation und Instabilität.
In der Folge setzte sich insbesondere ab 1989 unter der Regierung von Carlos Andrés Pérez die neoliberale Orthodoxie als zentraler Rahmen der Wirtschaftspolitik durch. Der rasche Rückgang der Währungsreserven, wachsende Haushaltsdefizite, Probleme in der Zahlungsbilanz und die Auslandsschulden führten zur Einführung eines Strukturanpassungsprogramms in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds. Handel und Finanzmärkte wurden schnell liberalisiert, während die wenigen bestehenden staatlichen Investitionen – vor allem in den Bereichen Banken, Telekommunikation, Stahl und Transport – privatisiert wurden. In dieser Phase kam das Wachstum der Industrie nahezu zum Stillstand, und die Zahl großer Industriebetriebe ging stark zurück.
Nach der Bankenkrise von 1994 wurden hohe Inflation und Kapitalflucht zu dauerhaften Problemen. Niedrige Ölpreise und neoliberale Politiken, die arme Bevölkerungsgruppen systematisch ausschlossen, führten gemeinsam zu massiver Verarmung und extremen Ungleichheiten. Bis 1998 war das Pro-Kopf-Einkommen auf zwei Drittel des Niveaus von 1970 gesunken, die offizielle Arbeitslosigkeit lag bei 15 Prozent und die Inflation bei 60 Prozent. Schätzungen zufolge lebten 50 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, 20 Prozent sogar in extremer Armut.
Der Name Chávez wurde 1992 bekannt, als er einen gescheiterten Militärputsch gegen Präsident Andrés Pérez anführte. Dieser Putschversuch fand bei breiten Bevölkerungsschichten Widerhall, da er als symbolischer Aufstand gegen neoliberale Sparpolitik und ein von Korruption geprägtes politisches System wahrgenommen wurde. Nach dem Putsch verbrachte Chávez etwa zwei Jahre im Gefängnis, wurde 1994 durch eine Generalamnestie freigelassen und gewann 1998 die Wahlen als Ausdruck aufgestauter gesellschaftlicher Wut.
Chávez’ zentrale politische Linie bestand darin, die staatliche Kontrolle über die Öleinnahmen wiederherzustellen und diese Einnahmen an die armen Bevölkerungsschichten weiterzugeben. Ab 2001 wurde der staatliche Ölkonzern PDVSA neu organisiert, Verträge mit ausländischen Ölunternehmen überprüft und der staatliche Anteil erhöht. Vor allem nach 2003, als die Ölpreise stiegen, wurden die zusätzlichen Mittel über Sozialprogramme in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnraum und Ernährungssicherheit an große Teile der Bevölkerung verteilt.
Da Chávez Schwierigkeiten hatte, den Staatsapparat vollständig zu kontrollieren, baute er über direkt von PDVSA finanzierte Sozialprogramme – die sogenannten misiones – faktisch eine parallele Sozialstaatsstruktur auf. Im Rahmen der Misión Barrio Adentro eröffneten kubanische Ärztinnen und Ärzte Kliniken in armen Vierteln, im Gegenzug erhielt Kuba venezolanisches Öl. Mit der Misión Mercal wurde der Zugang zu Grundnahrungsmitteln subventioniert, während mit den Programmen Misión Robinson, Ribas und Sucre eine umfassende Alphabetisierungs- und Bildungsoffensive gestartet wurde. Diese Programme erreichten innerhalb kurzer Zeit Millionen Menschen; die Armutsquote sank bis 2012 auf 27 Prozent. Der Gini-Koeffizient fiel unter den lateinamerikanischen Durchschnitt und zeigte eine deutliche Verbesserung der Einkommensverteilung an.
Diese Politik verschaffte Chávez breite Unterstützung in der Bevölkerung, rief jedoch auch den scharfen Widerstand jener Eliten hervor, die das Land jahrzehntelang durch die Verteilung der Ölrenten regiert hatten, sowie einer stark vom Ausland abhängigen Bourgeoisie. In Verbindung mit der zunehmend konfrontativen Haltung der USA führte dies dazu, dass die Chávez-Regierung sich stärker einem sozialistischen Diskurs zuwandte. Dieser Sozialismus unterschied sich jedoch vom klassischen staatszentrierten Sozialismus des 20. Jahrhunderts. Vorgesehen war ein Modell, das staatliches Eigentum mit Kooperativen, partizipativer Demokratie und Arbeiterselbstverwaltung verband. Chávez bezeichnete diesen Ansatz als „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.
In diesem Rahmen wurden in strategischen Sektoren Verstaatlichungen vorgenommen. Gleichzeitig sollten mit Öleinnahmen Arbeiterkooperativen gefördert, partizipative Entscheidungsmechanismen in den Stadtvierteln aufgebaut und Formen der Arbeiterkontrolle in einzelnen Betrieben eingeführt werden. In Bereichen wie Telekommunikation, Energie, Stahl und Zement kam es zu Verstaatlichungen, und in der Ölindustrie wurden die Anteile ausländischer Unternehmen zugunsten von PDVSA neu geregelt. Mit dem Kooperativgesetz von 2001 wurde die Gründung von Kooperativen gefördert und durch Kredite, Ausbildung und technische Unterstützung begleitet. Zwar entstanden in dieser Zeit über 100.000 Kooperativen, doch blieben fast alle von staatlichen Subventionen abhängig. Viele lösten sich schnell wieder auf, andere existierten später nur noch auf dem Papier.
Auch die Versuche mit Arbeiterkontrolle und gemeinsamer Betriebsführung blieben aufgrund fehlender technischer Kompetenzen, institutionellen Widerstands und bürokratischer Trägheit stark begrenzt. Dagegen ermöglichten die kommunalen Räte, die ab 2006 im Sinne des partizipativen Demokratieverständnisses der Verfassung von 1999 geschaffen wurden, eine breite Beteiligung der Bevölkerung an lokalen Entscheidungsprozessen. Trotz zahlreicher praktischer Probleme bildeten diese Strukturen eine zentrale Grundlage für Chávez’ gesellschaftliche Legitimation.
Die Chávez-Regierung wollte dem Neoliberalismus nicht nur auf nationaler, sondern auch auf regionaler Ebene eine Alternative entgegensetzen. Dass in dieser Zeit in vielen lateinamerikanischen Ländern linke Regierungen an der Macht waren, begünstigte neue Allianzen. So wurde mit Initiativen wie ALBA versucht, solidarische Kooperationsnetzwerke als Gegenmodell zu den von den USA geführten Freihandelsprojekten aufzubauen. Über PetroCaribe erhielten arme Karibikstaaten günstiges Öl, und mit Kuba wurden Tauschabkommen umgesetzt, bei denen Öl gegen Gesundheits- und Bildungsleistungen geliefert wurde.
All diese Politiken führten vor allem unter den günstigen Bedingungen hoher Ölpreise zwischen 2003 und 2008 zu deutlichen Verbesserungen bei Armut und Ungleichheit. Dennoch konnte weder die strukturelle Abhängigkeit der Wirtschaft von den Öleinnahmen noch die außenabhängige Produktionsstruktur in Landwirtschaft und Industrie grundlegend verändert werden. Die Produktion in verstaatlichten Betrieben stieg nicht, die meisten Arbeiterkooperativen scheiterten, und die Versuche der Arbeiterselbstverwaltung blieben marginal. Als Chávez 2013 starb, war die Gesellschaft bereits tief gespalten zwischen Anhängern des Chavismus und der Opposition, während ein bedeutender Teil der Bevölkerung sich in die Haltung „weder Chávez noch Opposition“ zurückgezogen hatte. Warum und wie die venezolanische Wirtschaft unter Maduro, der diese fragile wirtschaftliche und politische Struktur übernahm, schließlich zusammenbrach, soll im nächsten Text behandelt werden.
II.
Die in der Chávez-Zeit verfolgte Wirtschaftspolitik bestand aus umfangreichen Sozialprogrammen (misiones), die auf der Umverteilung der Öleinnahmen beruhten, aus Verstaatlichungen in strategischen Sektoren, Kooperativierungsinitiativen und Experimenten mit partizipativer Demokratie. Diese Politik war stark von den günstigen Bedingungen abhängig, die hohe Ölpreise ermöglichten. Nach dem Tod Chávez’ im Jahr 2013 und der Amtsübernahme durch Nicolás Maduro geriet die Frage der Nachhaltigkeit dieser Errungenschaften jedoch rasch in den Fokus. Einerseits führten externe Schocks wie der starke Rückgang der Ölpreise und die zunehmend verschärften US-Sanktionen, andererseits interne Faktoren wie die schwache Produktionskapazität und strategische Fehlsteuerungen in der Wirtschaftspolitik dazu, dass die venezolanische Wirtschaft in einen strukturellen Zusammenbruch geriet.
Der starke Einbruch der Ölpreise Mitte 2014 stellte einen entscheidenden Wendepunkt dar. Während die Öleinnahmen, die rund 95 Prozent der gesamten Exporte ausmachten, drastisch sanken, reagierte die Regierung darauf einerseits mit einer Ausweitung der Geldmenge und andererseits mit einer Verschärfung der bestehenden Wechselkurs- und Preiskontrollen. Diese Entscheidungen lösten innerhalb kurzer Zeit einen hyperinflationären Prozess aus. Während die Wirtschaft 2016 schätzungsweise um etwa 18 Prozent schrumpfte, wurde ab 2017 die Schwelle zur Hyperinflation überschritten; 2018 erreichte die Inflation astronomische Werte. Die ohnehin begrenzte industrielle Produktion brach weiter ein, Grundnahrungsmittel verschwanden auf den Schwarzmarkt, und viele Medikamente konnten nicht mehr importiert werden.
In diesem Umfeld verloren die misiones, eines der symbolträchtigsten Elemente der Chávez-Zeit, weitgehend ihre Funktion. Die historisch ohnehin sehr schwachen Gesundheits- und Bildungssysteme begannen zusammenzubrechen. Mangelernährung, der Kollaps des Gesundheitssystems und fehlende Medikamente führten zu steigenden Sterberaten. Die vom Staat verteilten Lebensmittelpakete wurden unregelmäßig und knapper, während Vorwürfe der Korruption in den Verteilungsprozessen zunahmen. Mit der Vertiefung der Krise wird geschätzt, dass mehr als sieben Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner das Land verlassen haben.
Das in dieser Zeit hartnäckig beibehaltene System mehrerer Wechselkurse schuf große Arbitragemöglichkeiten [Ausnutzung von Unterschieden der Geldkurse, Anm. d. Red] zwischen jenen, die Zugang zu Devisen hatten, und jenen, die keinen hatten. In einer Wirtschaftsstruktur mit extrem hoher Importabhängigkeit förderte dieses System nicht die Produktion, sondern begünstigte Rentenökonomie und Korruption und beschleunigte so den Zerfall der Industrie.
Die Sanktionen der USA gegen die Maduro-Regierung verschärften diese Entwicklung zusätzlich. 2015 wurden zunächst individuelle Sanktionen verhängt, deren makroökonomische Wirkung jedoch begrenzt blieb. Der eigentliche Einschnitt erfolgte 2017 mit den Finanzsanktionen. Diese schränkten den Zugang des venezolanischen Staates und des staatlichen Ölkonzerns PDVSA zu internationalen Finanzmärkten stark ein und machten neue Kreditaufnahmen faktisch unmöglich. 2019 traten schließlich Sanktionen in Kraft, die direkt auf den Ölsektor zielten: Die USA stoppten den Import venezolanischen Öls, blockierten den Zugang zu der US-Tochtergesellschaft Citgo und erschwerten Venezuelas Ölhandel mit Drittstaaten erheblich. In Kombination mit sinkender Investitionsfähigkeit, gekürzten Wartungsausgaben und institutionellem Verfall bei PDVSA wurde der Zusammenbruch der Produktionskapazität insbesondere nach 2017 unvermeidlich. Laut OPEC-Daten sank die tägliche Ölproduktion von etwa 2–2,5 Millionen Barrel im Jahr 2014 auf unter 500.000 Barrel im Jahr 2020. Der drastische Rückgang der Öleinnahmen veranlasste den Staat zudem, nach neuen Einnahmequellen zu suchen. In diesem Zusammenhang wurden die Bodenschätze im südlichen Orinoco-Gebiet im Rahmen des Arco-Minero-Projekts für eine weitgehend unkontrollierte, ökologisch zerstörerische und größtenteils informelle Goldwirtschaft geöffnet, um die durch den Ölsektor entstandene Lücke zu schließen.
Nach 2019 leitete die Maduro-Regierung einen Kurswechsel ein. Wechselkurs- und Preiskontrollen wurden gelockert, einige staatliche Betriebe begannen mit privaten Partnern zu arbeiten, und die Wirtschaft trat schrittweise in einen Prozess indirekter Re-Privatisierung ein. In dieser Phase setzte erneut eine rasche Dollarisierung ein. Besonders nach 2020 wurden Einkäufe in US-Dollar zunehmend verbreitet. Während die jährliche Inflationsrate 2022 auf 234 Prozent sank, stieg die Ölproduktion auf 700.000 bis 800.000 Barrel pro Tag. Durch begrenzte Sanktionsausnahmen der USA für Chevron nahm ein eingeschränkter Öl-Export wieder Fahrt auf, und die Wirtschaft wuchs 2022 um etwa 15 Prozent. Dieses Wachstum beruhte jedoch auf einem extrem niedrigen Ausgangsniveau und vor allem auf informeller Dollarisierung sowie einer weitgehend ungeregelten Marktöffnung.
Dieses neue Gleichgewicht sorgte auf makroökonomischer Ebene für eine gewisse Stabilisierung, vertiefte jedoch die Kluft zwischen einer kleinen Gruppe mit Zugang zu Dollar-Einkommen und der großen Mehrheit, deren Löhne weiterhin in der Landeswährung ausgezahlt wurden. Die venezolanische Wirtschaft entwickelte sich damit zu einem System, in dem zwar sozialistische Rhetorik fortbestand, faktisch jedoch eine ungleiche und fragmentierte Marktordnung entstand. Am deutlichsten zeigte sich diese Dualität im Gegensatz zwischen bodegones, in denen importierte Waren gegen Dollar verkauft werden, und Volksmärkten, auf denen selbst der Zugang zu Grundnahrungsmitteln immer schwieriger wurde. Auf Haushaltsebene wurde dieses fragile Gleichgewicht vor allem durch die Geldüberweisungen (remesas) jener Millionen Menschen aufrechterhalten, die das Land verlassen hatten. An die Stelle der früheren Deviseneinnahmen aus dem staatlichen Ölexport traten teilweise die Gelder der Diaspora, die zu einer der wichtigsten Finanzierungsquellen des Konsums wurden. Ab 2022 stieg der Gini-Koeffizient auf etwa 0,56 an und machte Venezuela zu einem der ungleichsten Länder der Region.
Die bolivarische Erfahrung, die ursprünglich als antineoliberale Entwicklungsalternative präsentiert worden war, erzielte in der Chávez-Zeit bedeutende Fortschritte im Kampf gegen Armut und Ungleichheit und verfolgte das Ziel, einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts aufzubauen. Nach 2014 konnten diese Errungenschaften jedoch größtenteils nicht aufrechterhalten werden. Bei der Umgestaltung der Produktionsverhältnisse, der Sicherung von Ernährungssouveränität und dem Aufbau eines Entwicklungsmodells jenseits des Erdöls blieb man weitgehend erfolglos. Zwar sollten mit Investitionsabkommen mit China in verschiedenen Bereichen Importsubstitutionen erreicht werden, doch brachten diese Initiativen nur begrenzte Ergebnisse. Der Begriff boliburguesía (Boli-Bourgeoisie), der seit der Chávez-Zeit jene neue Gruppe bezeichnet, die durch privilegierten Zugang zur Ölrente und enge Beziehungen zum Staat im Rahmen des bolivarischen Diskurses Vermögen anhäufte, wurde in diesem Prozess zu einem der deutlichsten Zeichen für die innere Aushöhlung des revolutionären Projekts.
Die Debatte darüber, wie und warum die Orientierung am Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela und allgemein in Lateinamerika an diesen Punkt gelangt ist, hat sowohl unter venezolanischen Sozialisten als auch unter internationalen Beobachtern zu tiefen Meinungsverschiedenheiten geführt. Diese Diskussionen sollen im nächsten Text aufgegriffen werden.
III.
Unter den vergleichsweise günstigen Bedingungen hoher Öleinnahmen konnte in der Chávez-Zeit ein umverteilendes und partizipatives Politikmodell aufrechterhalten werden. In der Maduro-Periode nutzte sich dieses Modell jedoch rasch ab; Venezuela erlebte einen der tiefsten wirtschaftlichen Zusammenbrüche der modernen Geschichte in Friedenszeiten. Dieser Zusammenbruch zeigte sich nicht nur in wirtschaftlichen Kennzahlen, sondern führte auch zu deutlichen politischen Brüchen im engen Umfeld Chávez’ und unter seinen traditionellen Verbündeten.
Eines der ersten und auffälligsten Beispiele dafür war der Rücktritt von Jorge Giordani im Jahr 2014. Giordani zählte in der Chávez-Zeit zu den einflussreichsten Figuren, war lange Planungsminister und galt als einer der Hauptarchitekten der Devisenkontrollen. Mit seinem Rücktritt stellte er sich offen gegen die Regierung Maduro. In einem im Juni 2014 verfassten Brief warf er Maduro bereits in einer frühen Phase der Krise Führungsschwäche, den unkontrollierten Umgang mit öffentlichen Ressourcen und Untätigkeit gegenüber Korruption vor. [1] Giordani argumentierte, das Erbe Chávez’ werde einer Art „Machtverfall“ geopfert. Seine Kritik machte deutlich, dass die Krise nicht allein durch „äußere Schocks“ erklärbar sei, sondern auch ein internes Problem von Regierungsführung und staatlicher Handlungsfähigkeit darstelle.
Ein ähnlicher Bruch zeigte sich bei der Kommunistischen Partei Venezuelas (PCV), einem historischen Verbündeten Chávez’. Die PCV hatte die Regierung lange mit dem Argument der „Einheit gegen den Imperialismus“ unterstützt, zog jedoch insbesondere nach 2020 eine klare Grenze. Sie bewertete die Politik der Maduro-Regierung nicht mehr als notwendige Verteidigungsstrategie, sondern als ein „neoliberales Anpassungsprogramm“, das die Kosten der Krise auf die arbeitende Bevölkerung abwälze und auf einen Ausgleich mit der einheimischen Bourgeoisie setze. Im Zentrum der Kritik standen die zunehmende Dollarisierung, die Liberalisierung des Importregimes sowie der Abbau von Lohn- und Arbeitsplatzsicherungen. Dieser Bruch war eines der deutlichsten Zeichen für den Verlust innerlinker Legitimität in der Maduro-Zeit. [2]
Zu den schärfsten Kritikern der Maduro-Regierung zählt auch Heinz Dieterich, einer der theoretischen Vordenker des Begriffs „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Trotz seiner engen intellektuellen Beziehung zu Chávez und seiner Rolle als inoffizieller Berater wurde er im Laufe der Zeit zu einem der entschiedensten Gegner der Regierung. Seiner Ansicht nach verfolgte Maduro weder eine sozialistische noch eine rational begründete Wirtschaftspolitik. Das Festhalten an einem Mehrfach-Wechselkurssystem, strikte Preiskontrollen und die Finanzierung von Haushaltsdefiziten durch Geldschöpfung bezeichnete Dieterich als „unwissenschaftlich“ und „voluntaristisch“. Diese Maßnahmen hätten die Produktion nicht gefördert, sondern über Arbitragemöglichkeiten Rentenwirtschaft, Schwarzmarkt und Korruption begünstigt und letztlich Geld- und Preismechanismen außer Kraft gesetzt. [3]
Dieterichs Kritik beschränkte sich nicht auf die Wirtschaftspolitik. Er argumentierte, dass der Anspruch partizipativer Demokratie, wie ihn die Verfassung von 1999 vorsah, zunehmend ausgehöhlt worden sei, der politische Raum sich verengt habe und die Regierung einen autoritären Konsolidierungskurs eingeschlagen habe. Deshalb vertrat er ab 2015 offen die Position, dass Maduro Venezuela nicht aus der Krise führen könne, und löste sich damit vom traditionellen Reflex der antiimperialistischen Linken, die Regierung unabhängig von internen Entwicklungen zu unterstützen.
Der in Venezuela lebende Historiker Steve Ellner, einer der produktivsten Autoren zum venezolanischen Prozess, vertritt hingegen eine differenziertere Sicht. Seiner Meinung nach reicht es analytisch nicht aus, den Zusammenbruch allein mit „schlechter Regierungsführung“ oder dem „Scheitern des Sozialismus“ zu erklären. Er identifiziert vier zentrale Faktoren, die die Krise vertieften: den Ölpreisschock nach 2014, Venezuelas historische Abhängigkeit vom Öl, gravierende politische Fehlentscheidungen der Regierung sowie die ab 2015 deutlich verschärften US-Sanktionen. Ellner erkennt zwar Fehler in der Wechselkurs- und Preispolitik, Schwächen im Kampf gegen Korruption und das Fehlen einer kohärenten Industriepolitik an, betont jedoch, dass diese Probleme nicht losgelöst von den durch Sanktionen geschaffenen „Ausnahmebedingungen“ betrachtet werden dürften. Die Blockade der Finanzkanäle ab 2017 und die direkten Angriffe auf die Öleinnahmen ab 2019 hätten die Fähigkeit des Staates zur Schuldentilgung und zum Import lebenswichtiger Güter massiv eingeschränkt und die Krise von einer Regierungs- zu einer gesellschaftlichen Katastrophe ausgeweitet. [4]
Aus Ellners Sicht sind die marktorientierten Maßnahmen der Maduro-Regierung nach 2018 – die Duldung der Dollarisierung, die Lockerung der Preiskontrollen und pragmatische Abkommen mit dem Privatsektor – weniger als ideologische „neoliberale Wende“ zu verstehen, sondern eher als eine erzwungene Überlebensstrategie, vergleichbar mit Lenins NEP. Während Dieterich diese Entwicklung als Abweichung interpretiert, sieht Ellner darin eine widersprüchliche Verteidigungspraxis unter massivem äußerem Druck.
Ein zentraler Punkt dieser Debatten ist, dass die in der Chávez-Zeit zugunsten der Arbeiterklasse erzielten Fortschritte mit dem Einbruch der Öleinnahmen ab 2014 und dem gleichzeitigen politischen Übergang rasch verloren gingen. Um den Verlust gesellschaftlicher Unterstützung auszugleichen, stützte sich die Maduro-Regierung zunehmend auf das Militär. Dieses wurde in dieser Phase von einem reinen Sicherheitsapparat zu einer zentralen Stütze des Regimes, abgesichert durch Privilegien und wirtschaftliche Zugänge. Kredite für Militärangehörige, Wohnraum, bevorzugte Versorgungsnetze und Arbitragemöglichkeiten im Devisensystem dienten dazu, Loyalität zu sichern. Parallel dazu entstand ein Bündnis mit neuen Kapitalgruppen, die in enger Verbindung zu Staat und Militär wuchsen (boliburguesía).
Zusammengefasst zeigt das venezolanische Beispiel sehr deutlich die Verwundbarkeit eines Wirtschaftsmodells, das vollständig an Öleinnahmen gekoppelt ist, in dem sich nicht-ölbasierte Sektoren kaum entwickeln und der Staat keine eigenständige Investitions- und Produktionsstrategie aufbaut. Zugleich verweist diese Erfahrung auf ein strukturelles Problem Lateinamerikas: Die seit den 1980er Jahren voranschreitende frühe Deindustrialisierung und die zunehmende Abhängigkeit von Agrar-, Metall- und Energieexporten schränken den Spielraum für eigenständige Wirtschaftspolitik stark ein. In Ökonomien, die stark von Rohstoffpreisschwankungen abhängig sind, über eine schwache inländische Kapitalbildung verfügen und im Schatten der USA stehen, sind Umverteilungsprojekte ohne eine tiefgreifende Transformation der Produktionsstruktur zum Scheitern verurteilt, sobald die Einnahmequellen versiegen. Die entscheidende Frage betrifft daher weniger die Absicht des bolivarischen Projekts als vielmehr die Gründe, warum keine tragfähige Produktionsbasis aufgebaut werden konnte, warum das Projekt von innen heraus erodierte und welche institutionell-ökonomische Architektur unter Bedingungen externer Intervention überhaupt überlebensfähig ist.
Am Ende stellt sich die zentrale Frage: Kann ein auf Gleichheit zielendes Entwicklungsprojekt dauerhaft bestehen, wenn die Produktionsstruktur unangetastet bleibt, Klassenverhältnisse ignoriert werden und keine institutionelle Ordnung existiert, die äußere Interventionen mitdenkt?
Fußnoten:
Hinweis: Für eine detaillierte Analyse der Wirtschaftspolitik in der Chávez-Zeit siehe Orhangazi, Ö. 2014. „Contours of Alternative Policy Making in Venezuela“, Review of Radical Political Economics, 46(2): 221–240. (pdf)
[1] Giordani, Jorge A. (18. Juni 2014). „Testimonio y responsabilidad ante la historia.“
[2] PCV, „Carta a los Partidos Comunistas y Obreros del mundo“, 10. September 2020.
[3] Siehe ein Interview mit Dieterich aus dem Jahr 2019; zu seinen Texten vgl. entsprechende Veröffentlichungen.
[4] Ellner, Steve. 2019. „Explanations for the Current Crisis in Venezuela: A Clash of Paradigms and Narratives.“ Global Labour Journal 10(2): 159–169.
