Rund um den 8. März kommen immer wieder Debatten um die Bestimmung der Ursachen der Unterdrückung der Frau auf, sowie den richtigen Forderungen und Strategien zur Überwindung dieser. Nach jahrzehntelanger Hegemonie vom liberalen Feminismus, hat sich dieser in den letzten Jahren mit der “feministischen Außenpolitik” und steigender Armut bei einer Propaganda vom Bild des Girlboss, der Frau die alles schaffen kann, vollständig von seiner fortschrittlichen Forderungen entfernt und ist rein zu einer lila Fassade für eine Politik des Krieges und Ausbeutung geworden. Auch in expliziter Ablehnung dazu hat sich in den letzten 10 Jahren eine neue Frauenbewegung (siehe NiUnaMenos Bewegung, Kampf gegen das Verbot von Abtreibungen und die Frauenstreiks) gebildet, die wieder die Frage nach dem Zusammenhang von “Frauenfrage” und “sozialer Frage” bzw. Frauenunterdrückung, Geschlecht und Klasse, Patriarchat und Kapitalismus stellt. Im Kontext dieser neuen Bewegung wurden Streiktage im öffentlichen Dienst, in dem besonders Frauen arbeiten, auf den 8. März gelegt, um ein Zeichen zu setzen und die Forderung der Frauen- und Arbeiterbewegung, “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!”, wird auf zahlreichen Protesten auf die Straße getragen und auch die Parole “Frauenkampf ist Klassenkampf” sieht man häufiger. Es ist deutlich, dass zwischen der Unterdrückung der Frau und dem Kapitalismus ein direkter Zusammenhang besteht. Aber wie genau sieht dieser Zusammenhang aus? Über diese Frage gibt es in der Frauenbewegung eine lange Diskussion, in der man immer wieder auf eine Behauptung stößt: Die Theorie des Marxismus sei zwar gut, um den Kapitalismus und die Klassengesellschaft zu erklären, aber er habe eine Leerstelle in Bezug auf die Frauenfrage. Entsprechend bräuchte es eine feministische Ergänzung, um die Kämpfe der Frauen verstehen und stärken zu können. Aus dieser Kritik heraus entwickelte sich die Strömung des marxistischen Feminismus, der versuchte, Feminismus und Marxismus zu verbinden.
Doch auf welche Schlüsse kommt der marxistische Feminismus und inwiefern sind diese nützlich für die Kämpfe der Frauen? Ein genauerer Blick zeigt, dass die Ergänzung des Marxismus um den Feminismus eigentlich eine Verschlimmbesserung ist, wo es nichts zu verbessern gibt: Der Marxismus hat keine Leerstelle in Bezug auf die Frauenfrage, sondern ist sogar das wichtigste Mittel, um den Kampf der Frauen zum Erfolg führen zu können. Doch schauen wir uns den marxistischen Feminismus und seine Theorien genauer an.
Zwischen den Stühlen
Der marxistische Feminismus sitzt seit seiner Entstehung gewissermaßen zwischen den Stühlen. In den 1970er Jahren entwickelten sich feministische Strömungen heraus, die in expliziter Abgrenzung zum Marxismus das Patriarchat als ein eigenständiges Herrschaftssystem der Männer über die Frauen betrachten. Als grundlegender gesellschaftlicher Widerspruch wird der zwischen den Geschlechtern betrachtet. Der Ansatz des Marxismus, Klasse als primär zu setzen, wurde als ökonomistisch und reduktionistisch abgewiesen. Vertreterinnen dieser Bewegung wie Kate Millett oder Christine Delphy gehen davon aus, dass eine gesellschaftliche Machtstruktur, in der Männer über Frauen herrschen, unabhängig von der Klassengesellschaft existiert. In diesem Sinne wird auch davon ausgegangen, dass Männer ein Interesse an der Unterdrückung der Frau hätten und von ihrer patriarchalen Ausbeutung direkt profitieren würden. Männer werden dabei zum Bezugspunkt und zum Hauptgegner von Frauen. Die damalige Debatte, in der der Feminismus in Abgrenzung auch zum Marxismus entwickelt wurde, spiegelt sich auch in der jetzigen wieder, denn bis heute ist der Vorwurf an den Marxismus verbreitet, er würde die Frauenfrage nur als „Nebenwiderspruch“ betrachten.
Während sich große Teile der Frauenbewegung in diesem Sinne vom Marxismus abwendeten, schlugen die marxistischen Feministinnen einen anderen Weg ein: Sie wollten den Marxismus nicht verwerfen, sondern eine Verbindung zwischen Marxismus und Feminismus schaffen, da die Antworten des Marxismus auf die Frauenfrage unzureichend seien und sie ihn somit für “geschlechtsblind” hielten. So gibt es zahlreiche Texte und Theoretikerinnen, die sich einer solchen Ergänzung gewidmet haben.
Zentral für die Formulierung des marxistischen Feminismus war dabei insbesondere die sogenannte Hausarbeitsdebatte der 70er Jahre. Die Vertreterinnen des marxistischen Feminismus waren sich einig: Marx habe die Hausarbeit nicht oder unzureichend analysiert. In der Arbeitswerttheorie von Marx sei die unbezahlte Arbeit der Frau nicht berücksichtigt worden und daraus folgernd sei die Unterdrückung der Frau in der marxistischen Theorie nicht analysiert worden. Wie genau die häusliche Reproduktionsarbeit, die hauptsächlich von Frauen getan werde, zu analysieren ist und wie sie sich im Bezug zur Produktion verhält, darüber waren sich auch sie jedoch uneinig.
Die italienische Feministin Silvia Federici ist eine der wichtigsten und bekanntesten Begründerinnen des marxistischen Feminismus und eine einflussreiche Stimme in der Hausarbeitsdebatte. Sie diagnostiziert dem Marxismus eine „Blindheit gegenüber der Reproduktionsarbeit“. Ihre Texte, beispielsweise „Caliban und die Hexe“ von 2004, sind bis heute viel gelesene und äußerst einflussreiche Texte in antikapitalistischen Teilen der Frauenbewegung. Sie schreibt: „Indem er [Marx] die kapitalistische Produktion und die Lohnarbeit als die zentralen Felder des Klassenkampfs begriff und einige jener Tätigkeiten vernachlässigte, die am wichtigsten sind, um unser Leben zu reproduzieren, lieferte uns Marx nur einen unvollständigen Blick in das kapitalistische System“. Laut Federici müsse nicht die Lohnarbeit, sondern die Tätigkeiten zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden, die diese Voraussetzung für die Lohnarbeit sei. Federici bezeichnet die Reproduktionsarbeit als Grundlage jeglichen Lebens und damit auch als Grundlage für die Kapitalakkumulation. Die Herstellung der Ware Arbeitskraft, die im Kapitalismus abgewertet und unsichtbar durch Frauen verrichtet wird, sei der zentrale Moment im Produktionsprozess. Um die unsichtbare und unvergütete Arbeit zu entlohnen und für Anerkennung zu kämpfen, forderte Federici mit weiteren Feministen dieser Zeit Lohn für Hausarbeit mit der Kampagne International Wages for Housework Campaign (IWFHC). In “Caliban und die Hexe” formuliert sie eine Alternative zur Marx’ Analyse der ursprünglichen Akkumulation, indem sie Frauen in den Mittelpunkt dieser Umwälzung rückt.
Daran angelehnte Konzepte hallen bis heute nach: Die sogenannte Social Reproduction Theory (SRT), insbesondere vertreten durch Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser und Cinzia Arruzza, ist eine im Zusammenhang mit den Frauenstreiks der letzten Jahre stehende marxistisch-feministische Theorie, die zu den einflussreichsten der letzten Jahre gehört. In ihrem Buch “Feminism for the 99% – A Manifesto” von 2019 wenden sie sich gegen den liberalen Feminismus und betonen die Wichtigkeit der sozialen Frage für die Unterdrückung der Frau. Über die Analyse der Reproduktion wollen sie einen Feminismus für die 99% formulieren. Anders als Federici verstehen die Autorinnen die unbezahlte Hausarbeit zwar nicht als produktiv, aber auch sie formulieren die Kritik an Marx, dass dieser eine unzureichende Analyse der Reproduktion und der geschlechtlichen Unterdrückung gegeben habe. Zentral für den Ansatz der SRT ist es, die “soziale Reproduktion” in den Mittelpunkt ihrer Analyse von Ungleichheit, ihres Klassenbegriffs und auch der Kämpfe zu stellen.
Obwohl sich die SRT dem Marxismus annähert, indem sie den liberalen Feminismus entschieden zurückweist und sowohl den Klassencharakter der Reproduktion betont als auch bürgerlicher Propaganda über das angebliche Ende der Arbeiterklasse widerspricht, entfernt sie sich zugleich konsequent von einem marxistischen Klassenbegriff. So fordern die SRT-Theoretikerinnen eine Erneuerung des marxistischen Klassenverständnis hin zu einem „dynamischen Verständnis“ von Klasse, welches die Sphäre der „sozialen Reproduktion“ systematisch miteinbezieht. Nicht die Abhängigkeit vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft ist für die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse entscheidend, sondern sie ist ein Ergebnis eines “dynamischen” Zusammenspiels von Reproduktion und Produktion. Was genau dies bedeutet, zeigt sich erst in ihrem Verständnis von Klassenkämpfen und dem revolutionären Potential. Sie stellen zwar richtigerweise fest, dass die Lebensbedingungen der Werktätigen weltweit unter Beschuss sind, dass durch die neoliberalen Privatisierungen die Lage im Gesundheitswesen massiv verschlechtert wurde und der soziale Bereich zusammengekürzt wurde, und die Klimakrise insbesondere die Lebensgrundlage Völker im globalen Süden und den Werktätigen weltweit bedroht. Die Kämpfe um Wohnraum, Bildung, Gesundheit und gegen Unterdrückung sind laut SRT Klassenkämpfe, die (auch wegen der Schwäche der Arbeiterbewegung innerhalb der Industriearbeiterschaft) mindestens genauso oder in der heutigen Zeit sogar das wesentliche revolutionäre Potential bilden.
Reproduktion und/vs. Produktion = Patriarchat vs. Kapitalismus?
Zwar formuliert die SRT den Anspruch einer einheitlichen Theorie und möchte den Dualismus des radikalen Feminismus oder auch anderer marxistischen Feministen wie Heidi Hartmann, in denen Kapitalismus und Patriarchat als zwei Systeme unabhängig voneinander gedacht werden, durchaus überwinden.
Das zentrale Problem der Theorien der sozialen Reproduktion bleibt jedoch, dass sie obwohl sie formal von einer “einheitlichen Theorie” sprechen, die Prozesse der Produktion und der Reproduktion der Ware Arbeitskraft trennen und zu Schauplätzen zweier unterschiedlicher Kämpfe erklären (so nimmt beispielsweise die SRT eine künstliche Trennung zwischen einer geschlechtsspezifischen „menschlichen Produktion“ und einer „Profitproduktion“ vor), was das Verständnis eines Gesamtzusammenhangs der Klassengesellschaft schlussendlich verunmöglicht.
Denn wie Marx selbst erläutert, sind beide Sphären Teil ein- und desselben gesellschaftlichen Produktionsprozesses.
Marx analysierte die gesellschaftliche Reproduktion nicht als einen von der Produktion getrennten Bereich, sondern als die notwendige stetige Erneuerung des gesamten Produktionsprozesses. In seiner Analyse ist jeder gesellschaftliche Produktionsprozess zugleich ein Reproduktionsprozess, der sowohl die Erneuerung der Produktionsmittel als auch die Wiederherstellung der individuellen und gesellschaftlichen Arbeitskraft umfasst. Diese Reproduktion der Arbeitskraft findet zwar außerhalb des unmittelbaren Warenkreislaufs statt, ist jedoch ein fundamentaler Teil der gesellschaftlichen Produktion unter der Herrschaft des Kapitals.
Der Wert der Ware Arbeitskraft wird dabei, genau wie der jeder anderen Ware, durch die zur Produktion und Reproduktion gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Konkret bedeutet dies, dass ihr Wert dem Wert der Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarf entspricht, die zur Erhaltung des Arbeiters und seiner Familie – also zur Sicherung der nächsten Generation von Arbeitskräften – notwendig sind. Da der Profit des Kapitals steigt, je geringer der Arbeitslohn ist, hat das Kapital ein Interesse daran, die Kosten für die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft so gering wie möglich zu halten. Dies erklärt auch, warum Tätigkeiten zur Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft, wie Hausarbeit, oft unbezahlt bleiben oder Berufe in diesem Sektor schlecht entlohnt werden.
Durch dieses Verständnis des gesamten gesellschaftlichen Produktionsprozesses wird es überhaupt erst möglich, zu verstehen, warum die Hausarbeit im Kapitalismus auf die Frau und das Private abgewälzt wird, warum sie niedriger gestellt, nicht oder (im öffentlichen Sektor wie Gesundheitsversorgung) schlecht entlohnt stattfindet.
Federici spricht bei Marx von einer „fehlende[n] theoretische[n] Berücksichtigung der reproduktiven Arbeit“ und behauptet, Marx habe die Bedeutung der Hausarbeit im kapitalistischen Akkumulationsprozess ignoriert. So habe er eine „körperlose Konzeption von Arbeit“ entwickelt, die die Geschlechterverhältnisse innerhalb der Arbeitsteilung nicht analysiert. Sie argumentiert, Marx habe nur einen unvollständigen Blick auf das System geliefert, da er die Hausarbeit nicht als zentrales Feld der Akkumulation begriffen habe. Sie sieht in dieser jedoch einen eigenen Bereich der Kapitalakkumulation, da diese die Kapitalakkumulation erst ermögliche. Für sie ist Hausarbeit und die reproduktive Arbeit mehrwertschöpfend (produktiv). Dies widerspricht der marxschen Analyse, denn hier wird kein Tauschwert hergestellt und somit auch kein Mehrwert abgeschöpft. Wert ist eine Kategorie, die den Austausch von Waren voraussetzt: da die Produkte der Hausarbeit in der Regel nicht verkauft werden, erhalten sie keinen Tauschwert und ihre Produktion bringt somit auch keinen Mehrwert für einen Kapitalisten. Wo kein Mehrwert produziert wird, wird auch nicht ausgebeutet und auch kein Kapital akkumuliert. Das bedeutet nicht, dass diese Arbeit nicht notwendig ist – es bedeutet nur, dass im kapitalistischen System eine Trennung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit als Voraussetzung des Produktionsprozesses geschaffen wird. Wenn man Reproduktionsarbeit als wertschöpfend versteht, verwischt das eine richtige Analyse des Kapitalismus, da dies die zentrale Rolle der Lohnarbeit, den Charakter der Ausbeutung und des Klassenwiderspruchs nicht anerkennt.
Die SRT widerspricht Federici zwar in diesem Punkt und stellt klar, dass es sich bei der Hausarbeit nicht um eine mehrwertschöpfende Tätigkeit handelt und entsprechend keine Ausbeutung der Frau direkt durch den Mann stattfindet. Trotzdem geht es auch ihr darum, die Reproduktion ins Zentrum der Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit sowie der Klassenkämpfe zu stellen.
Wo liegt der Hebel zur Befreiung? Wo findet der Kampf statt?
Die theoretische Analyse der Reproduktion und Produktion und des Zusammenhangs von Geschlecht und Klasse sind keine rein abstrakten Fragen, sondern sind entscheidend für die Strategie zur Frauenbefreiung.
Wenn die „soziale Reproduktion“ anstelle des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit ins Zentrum der Analyse gerückt wird, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf die politische Praxis. Der Schwerpunkt der Kämpfe verlagert sich weg von der Produktion hin zur Reproduktionssphäre. Konkrete Beispiele hierfür sind die von Silvia Federici mit initiierte Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ sowie die im Kontext der jüngsten Frauenstreikbewegungen durchgeführten „Reproduktionsstreiks“. Indem jedoch die Reproduktionssphäre als weiteres Kampffeld neben dem Klassenkampf eröffnet wird, ergeben sich schwerwiegende Probleme bei der Bestimmung des revolutionären Subjekts und seines Gegners. Dieser Ansatz führt so zwangsläufig zurück zu dualistischen Annahmen, die zwei getrennte Herrschaftssysteme – Patriarchat und Kapitalismus – mit jeweils eigenen Akteuren entwerfen. Während in der Produktion der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital verortet wird, konstruiert man für die Reproduktion die Frau als Subjekt im Kampf gegen den Mann als vermeintlichen Unterdrücker und Nutznießer. Bezüglich der neuesten Bewegung der Frauenstreiks, die hauptsächlich Reproduktionsstreiks sein sollen, stellen sich die Fragen: Wer wird in einem Reproduktionsstreik bestreikt? Welches Druckmittel besteht hier und wird gegen wen eingesetzt?
Ein Streik ist das zentrale Kampfmittel der Arbeiterklasse, die ihre Macht daraus zieht, die Warenproduktion und damit die Mehrwertschaffung zu stoppen. Nur in der Produktion selbst besitzt die Arbeiterklasse den Hebel, die Produktion zu stoppen und zu beweisen, dass sie die Kapitalisten nicht brauchen. Die Übertragung des Streikbegriffs auf häusliche, reproduktive Tätigkeiten (wie das Kochen oder Putzen zu Hause) kann dazu führen, den Begriff und das Verständnis von Streik zu verwässern. Wer zu Hause die Arbeit niederlegt trifft nicht direkt die Profiteure, die Profitrate eines Kapitalisten, sondern steht am nächsten Tag oft vor denselben unerledigten Aufgaben. Einen Frauenstreik hat also nur dann Wirkung, wenn er in den Betrieben, am Arbeitsplatz stattfindet.
Im “Feminism for the 99% – A Manifesto” wird die soziale Reproduktion allein aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Zuweisung sofort als rein „feministische Frage“ definiert. Eine sozialistische Perspektive auf die Frauenbefreiung wird ausgeblendet. Da für die marxistischen Feministen der SRT das Leben der Arbeiterinnen „neben oder nach der Lohnarbeit“ die zentrale Rolle für die moderne Klassenanalyse spielt, wird die Kategorie Klasse nicht mehr als fundamentales ökonomisches Verhältnis zu den Produktionsmitteln, sondern lediglich als Schichtung oder „Indikator für Ungleichheiten“ begriffen. Dieser Ansatz führt die Analyse letztlich zurück in die Identitätspolitik, in der verschiedene Unterdrückungsformen zur Hauptachse menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Widersprüche erhoben werden. Damit erweist sich der Anspruch der SRT, die Unvereinbarkeit von Identitäts- und Klassenpolitik zu überwinden und so Feminismus mit Marxismus zusammenzubringen, als hinfällig, da die Klasse faktisch durch Identitätskategorien ersetzt wird.
Damit fällt man auch zurück auf einen feministischen Standpunkt, der eine Interessenseinheit der Geschlechter, anstelle der Klassen betont. Clara Zetkin wies diese Einheit zurück: „Die Masse der bürgerlichen Frauen wird und muss der Sozialdemokratie feindselig gegenüberstehen, so will es ihre Klassenlage, und diese ist von zwingenderem Einfluss auf ihre Haltung, als ihre Geschlechtslage, als der Umstand, dass sie Frauen sind“
Unterdrückung, Ausbeutung und Doppelbelastung
So sind zwar alle Frauen benachteiligt, egal welcher Klasse sie angehören, aber die Unterdrückung der Frauen der Arbeiterklasse unterscheidet sich qualitativ von denen der Kapitalistinnen, da letztere über etliche Mittel verfügen, sich zu schützen. Die Frauen der Arbeiterklasse leisten den Großteil der Hausarbeit unbezahlt und sind dazu noch erwerbstätig. Sie teilen kein gemeinsames Interesse mit ihren Arbeitgebern, auch wenn die weiblichen Kapitalistinnen im Vergleich zu den männlichen Kapitalisten vielleicht auch benachteiligt sind. Aber die Bourgeoisie ist es, die als gesamte Klasse von der Unterdrückung der Frau profitiert. Indem Frauen systematisch schlechter bezahlt oder in besonders schlechte Arbeitsverhältnisse gedrängt werden und indem die Tätigkeiten zur Reproduktion der Arbeitskraft unbezahlt und/oder sehr schlecht bezahlt stattfinden, senkt das Kapital nicht nur deren Reproduktionskosten, sondern übt auch Druck auf das allgemeine Lohnniveau aus. Entgegen feministischer Annahmen ist es also nicht der proletarische Mann, der von der unbezahlten Hausarbeit der Frau „profitiert“. Im Gegenteil: Die geschlechtsspezifische Spaltung schwächt die gemeinsame Kampfkraft der Arbeiterklasse gegen die Verhältnisse. Ein „Kampf der Geschlechter“ verschleiert somit die ökonomische Basis der Unterdrückung und benennt einen falschen Gegner. Zetkin schreibt: „In letzter Instanz ist es bei ihr nicht die Geschlechtslage, ihre Eigenschaft als Frau, welche das Ausleben ihrer Individualität hindert, vielmehr ihre Klassenlage, ihre Zugehörigkeit zum Proletariat. Mag sie als Frau dem Buchstaben des Gesetzes nach zehnmal alle Rechte besitzen auf freie Ausgestaltung ihres Wesens, ihre Klassensklaverei als Proletarierin, ihre Armut wird bewirken, dass sie diese Rechte nicht auszunutzen vermag“.
Dabei geht es nicht darum, die Unterdrückung der Frau, den täglichen Sexismus und ihre Doppelbelastung zu relativieren. Ganz im Gegenteil: Um diese Unterdrückung aufzuheben, muss ihr materieller Boden entzogen werden. Dafür braucht es gesellschaftliche Bedingungen, in denen die Tätigkeit zur Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft, also alle sorgenden, pflegenden und erziehenden Tätigkeiten, nicht gegenüber der Produktion abgewertet ist, weil erstere keinen Profit sondern nur Kosten bringen, also in denen die Reproduktion nicht den den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals untergeordnet sind, in denen die reproduktiven Tätigkeiten, von Kochen bis Kindererziehung kollektiv und gesellschaftlich organisiert sind und nicht mehr im Privaten stattfinden. Dafür braucht es ökonomische Bedingungen, in denen die Frau weder von ihrem Mann, noch von ihrem Lohn, also dem Verkauf ihrer Arbeitskraft, abhängig ist. Die proletarische Frau ist nicht „doppelt ausgebeutet“, sondern erfährt eine verschärfte Unterdrückung, die nur durch den gemeinsamen Klassenkampf und die schließliche Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit im Sozialismus aufgehoben werden kann.
Denn es ist die herrschende Produktionsweise, die auch die Verhältnisse schafft, unter denen die Arbeitskraft reproduziert wird. Das macht die Tatsache, dass Frauen das unterdrückte Geschlecht sind, zu einer Klassenfrage, und somit fällt auch ihre Befreiung in den Bereich des Klassenkampfes. Diese Feststellung relativiert die Frauenfrage oder auch alle Fragen der Unterdrückung keineswegs – sie stellt sie erst auf einen materiellen Boden, kann sie damit in ihrer historischen spezifischen Ausdruck erklären und ist somit auch erst der Schlüssel zu ihrer Lösung. Diese wird möglich durch ein System, in dem die Notwendigkeit der Trennung von Produktion und Reproduktion aufgehoben ist, weil es eben nicht die Warenproduktion und der Profit sind, die das Ziel des Produktionsprozesses bilden.
Emanzipatorischer Charakter der Produktion
Wenn die Aushandlung der Frauenfrage auf die Frage der Reproduktion begrenzt wird, wird auch die Macht, die in der Produktion liegt, und damit der Arbeiterinnen, verkannt.
Zwar sehen wir, dass die Frauen im Kapitalismus zwar als Lohnarbeiterinnen mal in den Produktionsprozess hineingezogen werden (so zum Beispiel während des Krieges oder zur Zeit der Industrialisierung), mal aus ihm herausgedrängt werden, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg in einigen westlichen Gesellschaften passierte, wo die Frauen “wieder” zu Hausfrauen wurden. Der Kapitalismus nutzt die Frauen als Reserve und gestaltet die Bedingungen, unter denen die Reproduktion stattfindet, nach seinen Bedürfnissen. Doch die Tendenz, dass die Frauen gleicher Teil der Arbeiterklasse werden, gewinnt im Kapitalismus langfristig die Oberhand (ohne dass die Abwälzung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft dadurch von ihren Schultern genommen wird, im Gegenteil, sie wird zur Doppelbelastung). So liegt in den führenden Industriestaaten die Erwerbstätigenquote bei Frauen bei um die 70%. Für die Arbeiterbewegung war genau diese Seite der Medaille auch immer der zentrale Hebel, von dem die Frauenfrage angepackt werden musste. Während Federici im Kapitalismus einen historischen Niedergang des weiblichen Geschlechts sieht, verkennt sie, dass die Integration der Frau in die kapitalistische Produktion ein Schritt in Richtung Emanzipation war und ist. Clara Zetkin schrieb: “Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren.” Gemeint ist damit, dass die Einbeziehung der Frau in die gesellschaftliche Produktion als Arbeiterin die ökonomische Grundlage für die Gleichberechtigung ist. Denn durch den Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft ist die Frau unabhängig vom Mann und übt zudem die gleichen Tätigkeiten aus, was auch das Fundament der Ungleichheit ins Schwanken bringt. Mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, welche die Subsistenzwirtschaft und die häusliche Produktion zurückdrängen, wurden werktätige Frauen in großer Zahl in den öffentlichen Produktionsprozess geworfen. Durch die Proletarisierung der Frauen wurde die Grundlage für eine Frauenbewegung geschaffen. Denn mit dem Beginn der Erwerbsarbeit der Frauen im Kapitalismus wurde die untergeordnete Stellung der Frau sowie fehlende politische Rechte immer schwieriger zu rechtfertigen.
Frauenbefreiung nur im Sozialismus! Frauenkampf heißt Klassenkampf!
Zwar schafft die Einbeziehung der Frau in die Produktion die materielle Grundlage für ihre Unabhängigkeit vom Ehemann, doch im Kapitalismus dient dieser Prozess primär der Profitmaximierung der Kapitalisten. So stellte schon Zetkin heraus, dass die proletarische Frau trotz rechtlicher Gleichstellung im Kapitalismus aufgrund ihrer Besitzlosigkeit und ihrer Stellung im Produktionsprozess unterdrückt bleibt.
Erst der Sozialismus kann die wirkliche Befreiung der Frau bringen. Denn erst in diesem wird die Trennung und Unterordnung der Reproduktionsarbeit unter die Produktionsarbeit dadurch aufgehoben, dass nicht der Profit, sondern die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen. Erst der Sozialismus wird die Grundlage dafür schaffen, dass die Tätigkeiten zur Reproduktion, also die Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege und so weiter, nicht mehr der Produktion von Profit untergeordnet sind, und die Ausführung dieser eine schlechtere gesellschaftliche Position und Abhängigkeit mit sich bringt. Der Sozialismus schafft die Möglichkeit, die reproduktiven Tätigkeiten zu vergesellschaften und die gesellschaftliche Produktion nach den Bedürfnissen und nicht nach Profit auszurichten.
In der Beschäftigung mit dem Marxismus und der proletarischen Frauenbewegung wird klar, dass es gerade der Blick auf Klasse und damit die Produktionsverhältnisse ist, der uns ein Verständnis von Geschlechterverhältnissen und -unterdrückung ermöglicht. Der Marxismus muss nicht um den Feminismus ergänzt werden. Ganz im Gegenteil: Der Marxismus ist das einzige Werkzeug, mit dem die Frauenunterdrückung wirklich erklärbar ist, ohne Geschlecht und Rollenbilder zu naturalisieren. Der Klassenkampf ist der einzige Hebel, um die Frauenunterdrückung aufzuheben. „…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ ist das Ziel des Marxismus, der Arbeiterbewegung. Die Macht, dies zu tun, hat einzig und allein die Arbeiterklasse. Für diesen Kampf braucht sie jeden und jede und muss sie geeint sein. Deswegen steht für Marxisten und Marxistinnen fest: Ohne Frauen keine Revolution und ohne Revolution keine Frauenbefreiung!
