Die zum Jahreswechsel[1] 2025-26 ausgebrochenen Massenproteste scheinen seit ein paar Tagen abgeflacht zu sein. Doch bedeutet das keineswegs, dass die Unruhen einen zufälligen Ausreißer in der jüngeren iranischen Geschichte bilden. Was sich seit Ende Dezember auf den Straßen der Islamischen Republik abspielt, ist jetzt schon in ein historisches Resultat umgeschlagen. Nicht zuletzt die Brüche innerhalb der herrschenden Klasse des Landes entzogen der herrschenden Klasse als ein Ganzes zusätzlich Boden und Stabilität. Neben dem Wachstum ökonomischer und politischer Widersprüche im Inneren des Landes, nehmen auch die Widersprüche auf globaler Bühne zu, deren Folgen direkt auf den Iran zurückwirken. Die Situation im Iran spiegelt deshalb auch – wenn natürlich nicht ausschließlich – die zunehmende Konfrontation der imperialistischen Mächte und ihrer regionalen Interessen wider. Zukunft mag ungewiss sein; doch die Tendenz einer kurz- oder mittelfristig bevorstehenden sozialen Implosion erhärtet sich.
Die bisherigen Entwicklungen
Zum Jahreswechsel überschlugen sich die Ereignisse. Ende Dezember sank der Rial auf ein Rekordtief. Nur einen Tag nach der drastischen Währungsabwertung trat Zentralbankchef Mohammed Resa Farsin zurück. Es braucht derzeit knapp 1.1 Millionen Rial, um einen einzigen US-Dollar zu erhalten. Wenige Stunden nach der Ankündigung des Rial-Absturzes begangen die Händler und Ladenbesitzer im Umfeld des Teheraner Basars zu protestieren. Innerhalb weniger Tage weiteten sich diese Proteste auf verschiedene Städte aus. Händler und Kaufleute protestierten Seite an Seite mit Studierenden und Angehörigen unterschiedlicher Klassen und Schichten, wütend über die derzeitige Wirtschaftskrise. Nur kurze Zeit später gab es Aufstände in allen 31 Provinzen. Mehrere Millionen Menschen haben sich bisher an den Protesten beteiligt. Der angestaute Unmut in der iranischen Bevölkerung ist dabei nicht überraschend. Die Inflation im Land ist im Herbst auf knapp 50 Prozent gestiegen und lag am Jahresende bei 42.5 Prozent. Die Teuerung von Lebensmitteln stieg auf bis zu 70 Prozent. Große Teile der Bevölkerung hungern. Der von der Regierung Peseschkian vorgelegte Haushaltsentwurf Ende Dezember stellt den Versuch dar, durch Einsparungen und zusätzliche Kostenabwälzungen auf die werktätigen Massen, die in der Krise befindliche Wirtschaft zu revitalisieren.[2]Auch das Vorhaben der Regierung das System subventionierter Wechselkurse abzuschaffen, um Korruption zu bekämpfen und die derzeitige Lage zu entspannen birgt die Gefahr einer Ausweitung der Inflation.[3]
Was mit begrenzter Sicht auf den Teheraner Basar als scheinbar rein ökonomischer Protest gegen den Anstieg der Inflation und der Abwertung der Währung begann, schlug in eine politische Revolte um. Auf den Demonstrationen wurden Rufe wie „Nieder mit dem Regime“ und „Tod Chamenei“ skandiert. Der Staat setzte brutale Gewalt gegen die Aufstände ein. Amnesty International geht von deutlich mehr Todesopfern aus, als es die offiziellen Zahlen suggerieren.[4] Dass am 8. Januar die Internetkommunikation abgeschaltet wurde, weist auf eine neue Qualität der staatlichen Repression hin.[5]
Gleichzeitig wird der außenpolitische Druck auf den Iran erhöht. US-Präsident Donald Trump drohte bereits mehrmals mit einer Intervention gegen Teheran. Vor dem Hintergrund der US-Invasion in Venezuela am 3. Januar scheint solch ein Eingriff keineswegs ausgeschlossen – auch wenn die Einsätze für ein solches Unterfangen deutlich höher wären. Für Bundeskanzler Friedrich Merz steht fest, dass sich das Mullah-Regime nicht mehr lange an der Macht halten wird. Es seien „die letzten Tage und Wochen“ des Regimes. Eine Aussage, die sich durch die jüngste Geschichte und Wirklichkeit als falsch herausgestellt hat. Vor kurzem diskutierten die EU-Länder neue Sanktionen gegen die iranische Führung, die in letzter Instanz einer Kollektivbestrafung gegen die gesamte Bevölkerung gleichkommen. Trump selbst hatte bereits Zölle von 25 Prozent gegen Länder angedroht, die mit dem Iran weiterhin Handel treiben.
Der Bruch der Bazaris
Die derzeitige Revolte in diversen Orten des Irans stellt den Staat und die dortige herrschende Klasse vor große Herausforderungen. Der von vielen Protestierenden geforderte Tod bzw. Sturz der höchsten klerikale Instanz (ayatollah) stellt das System existentiell infrage; die Demonstrationen richten sich explizit gegen das Mullah-Regime als Ganzes.
Die aktuellen Proteste bringen den zunehmenden Kampf zwischen zwei wesentlichen Fraktion der iranischen besitzenden Klasse zum Ausdruck. Es ist bezeichnend, dass ein wichtiger politischer Faktor für die derzeitigen Aufstände die Bazaris sind – auch wenn sie nicht die eigentliche Basis der Aufstände darstellen. Die Bazaris sind Teil des traditionell-islamistischen Milieus, welches historisch und auch heute noch eine soziale Basis für die islamistischen Strömungen im Iran darstellt. Diverse konservativ-islamistische Parteien sind aus ihm hervorgegangen. Gleichzeitig bildet das Milieu mit den Bazaris eine treue und mächtige Anhängerschaft, die das Mullah-Regime bisher stark gestützt hat. Die Bazaris sind insbesondere in vielen staatlichen Institutionen vertreten und üben über diese Kanäle politische Macht aus. Das islamistische Milieu ist dabei alles andere als homogen. Die Bazari-Großhändler sind in diesem genauso vertreten, wie auch andere Schichten und Klassen, die im Gegensatz zu den Bazaris stehen. Ayatollah Chomeini verstand es, die sozialen Widersprüche innerhalb dieses Milieus – und darüber hinaus – durch die ideologische Konzeption der unterdrückten Massen (mostazafin) zu verdecken. Dadurch konnte Chomeini einen temporären breiten Zusammenschluss gegen den westlichen Imperialismus unter der Führung der klerikalen-Bourgeoisie bewirken, um schließlich nach der Revolution die verbliebenen und neu zu Bewusstsein gekommenen Klassengegensätze für obsolet zu erklären.[6][7]
Die Bazaris haben in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Einfluss im Iran verloren. Damals haben sie in der Islamischen Koalitionspartei den neuen Staat nach der Revolution 1979 mitaufgebaut. Sie konnten nach 1979 ihre Position in und mittels unterschiedlicher Institutionen festigen, wie im Handels- und Arbeitsministerium und im Wächterrat. Mit den Reformen unter Ahmadineschad verschob sich der Einfluss der Bazaris von diesen weg und hin zu den Revolutionsgarden (IRGC).[8]
Verschiebung der Macht innerhalb der herrschenden Klasse
Die Revolutionsgarden (pasdaran), deren Ursprünge ebenfalls im islamistischen Milieu liegen, sind keinesfalls eine reine militärische Formation. Spätestens seit der Politik der Privatisierung unter Ahmadineschad konzentrieren die Revolutionsgarden außerordentliche ökonomische Macht in ihren Händen.[9] Multiple Sektoren, von Medizintechnik bis zur Automobilindustrie, unterliegt dem Einfluss der Garden. So ist beispielsweise das durch die IRGC kontrollierte Monopol Khatam al-Anbia der größte landesweite Auftragnehmer im industriellen und infrastrukturellen Bereich.[10] Ebenfalls kontrolliert die IRGC die iranische Schattenwirtschaft, die nicht zuletzt auch Schmugglernetzwerke umfasst.[11] Die Akkumulation von politischem Einfluss und ökonomischer Macht ist jedoch nicht nachvollziehbar, ohne die besonderen Bedingungen der isolierten iranischen Wirtschaft in den Blick zu nehmen.
Kurz nach der islamischen Revolution erhob Washington in Koordination mit den Vereinten Nationen Sanktionen gegen Teheran. Betroffen sind unter anderem Waffenhandel, Technologie und Rohstoffhandel. Insbesondere letzterer wird durch die anhaltende Sanktionspolitik spürbar eingeschränkt. Um diesem ökonomischen Würgegriff zu entgehen, ließ sich die seit 1979 herrschende Klasse ungewöhnliche Wege einfallen. Die von Ayatollah Chamenei vor knapp 20 Jahren vorgestellte sogenannte resistance economy(eghtesad-e moqavemati) soll den Bedingungen einer massiven US-Sanktionspolitik Rechnung tragen und gleichzeitig die ökonomische Abhängigkeit aus dem Ausland diversifizieren und im besten Fall verringern. Hier sind auch verdeckte Handelsrouten und schattenwirtschaftliche Manöver nicht irrelevant, sondern sogar notwendig. Der Aufstieg der Revolutionsgarden als neue Fraktion der herrschenden Klasse ist also stark verknüpft mit der Umgestaltung der iranischen Wirtschaft, die militärische Netzwerke nicht nur benötigt, sondern massiv ausbaut, um dem Druck von außen standzuhalten.
Die unsichtbare Arbeiterklasse Irans
Ein Moment der derzeitigen Dynamik, das oft – ob vorsätzlich oder unbeabsichtigt sei hier zweitrangig – übersehen wird, ist die Rolle der iranischen Arbeiterklasse in den Aufständen. Bereits vor mehr als zwei Wochen – also vor den Reaktionen der Teheraner Bazaris auf die sich abzeichnende Abwärtsbewegung des Wechselkurses – fanden am 10. Dezember mehrere Streiks von 5000 Arbeitern in den Erdöl-Raffinerien von Süd-Asaluye und Pars statt. Die Streikenden skandierten mit Rufen wie „Wir kommen nicht über die Runden!“.[12] Die Streiks weiteten sich in kürzester Zeit auf weitere Sektoren und Gruppen aus, so dass schließlich auch Arbeiter in der Elektro- und Stahlindustrie und im Gesundheitssektor protestierten.[13] Auch die Goldminen-Arbeitern in Zareh-Shuran, in der Region West-Aserbaidschan führten einen mehrwöchigen Streik durch.[14][15] Dabei sind solche Streikaktionen keine Seltenheit im Iran, sondern eher die Regel. Dabei spielen die besonderen historischen Bedingungen der dortigen Arbeiterklasse eine ausschlaggebende Rolle, die von der einzigartigen gesellschaftlichen Entwicklung des Irans und seiner Klassendynamiken nicht losgelöst betrachtet werden kann.
Die iranische Erdölindustrie ist einer der historisch ersten industriellen Sektoren gewesen, in welchem sich die Arbeiterklasse des Landes entwickeln konnte. Ihre Geschichte reicht bis in den Anfang des letzten Jahrhunderts.[16] Trotzdem der Kampfbereitschaft der Erdölarbeiter darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die iranische Arbeiterklasse in ihrer Breite und sektoralen Diversität eine noch junge Klasse ist, die erst in den 1960er Jahren durch die mittels der Bodenreform ausgelöste Landflucht zu ihrer heutigen Zusammensetzung gekommen ist.[17]
Trotz kurzer Entstehungsdauer bildete die iranische Arbeiterklasse das Rückgrat der klerikal-bourgeoisen Revolution 1979. Ihre noch junge Existenz brachte nicht nur eine ausgesprochene Radikalität mit sich, sondern fast schon unausweichlich auch die fehlende politisch-organisatorische Dominanz, um sich gegen die zersetzenden Angriffe der klerikalen Bourgeoisie in den Revolutionsjahren 1978-81 zu verteidigen.[18]Dennoch sind die in diesen Jahren vom iranischen Proletariat gemachten Erfahrungen von unschätzbarer Größe.
Im Iran ist das Streikrecht zwar nicht existent. Doch finden jährlich Hunderte von illegalen Streiks statt, zu denen auch die Ölstreiks des vorigen Dezembers dazu gezählt werden können. Die Abwesenheit von stetigen und offiziellen Arbeiterorganisationen und kämpferischen Gewerkschaften ist unwiderleglich einer der Hauptfaktoren für die relative Schwäche des Proletariats hinsichtlich Sichtbarkeit und Dominanz.[19] Gerade die Abwesenheit eines Streikrechts verwandelt jeden Streik in seinem Keim bereits zu einer politischen Kampfform.
Die besonderen Bedingungen, unter denen die iranische Arbeiterklasse nicht erst seit der Installierung des Mullah-Regimes arbeiten und kämpfen muss, schufen eine besondere Radikalität und Widerstandsfähigkeit unter den Proletariern.[20] Bereits vor den aktuellen Protesten und spätestens seit 2017 formierten sich zahlreiche kleinere Aufstände, die einer Studie der Political Strategic Studies zufolge zunehmend –zumindest in Bezug auf ihre Zusammensetzung – durch die Arbeiterklasse dominiert wurden.[21] So wurde im Oktober 2020 unter landesweiter Beteiligung von 25.000 Arbeitern der Erdöl- und Gasindustrie der größte Streik seit 1953 durchgeführt.[22] Auch der im letzten Frühjahr von LKW-Fahrern durchgeführte Generalstreik untermauert die Schlagkraft und den ökonomischen Druck, den die Arbeiterklasse seit einiger Zeit aufgebaut hat.[23]
Analog zu den Revolutionsjahren dürfen daher auch die aktuellen Massenproteste nicht unabhängig von einer sich erstarkenden und radikalisierenden Arbeiterbewegung betrachtet werden. Ohne die vorausgegangen Streiks Mitte Dezember wären, die durch die Bazaris mitorganisierten Proteste nicht in dieser Breite realisiert worden. Gewiss sind die Streiks nicht der einzige Faktor, der die politische Radikalität gegen die klerikale Bourgeoisie vertieft. Auch die Nationalbewegung der kurdischen Minderheit und die (bürgerliche) Frauenbewegung sorgen für die anhaltende Instabilität des Systems. Die Erfolgsaussichten auf eine Demokratisierung oder gar soziale Revolution bleiben jedoch ungewiss und angesichts der sich verschärfenden regionalen und überregionalen Widersprüche schrumpfen diese Aussichten. Das imperialistische Ausland leistet dabei Schützenhilfe – nicht für die Völker und Werktätigen des Irans, sondern gegen ihre Freiheit.
Neuordnung im Nahen und Mittleren Osten
Für Washington ist der Iran seit der Revolution 1979 Feindesland. Nach dem Sturz des Schahs wurden Teile der bisherigen Vertreter der mit dem US-Imperialismus kollaborierenden herrschenden Klasse enteignet. Die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie unter Chomeini drängte westliches Kapital aus dem damaligen 1954 gegründeten Konsortium. Dabei ist wichtig zu beachten, dass der Iran Anfang des letzten Jahrhunderts eine Halbkolonie war. Die damalige britische Anglo-Iranian Oil Company (AIOC, heute Britisch Petroleum – BP) wurde mehrheitlich durch die britische Regierung kontrolliert und erhielt durch die Kollaboration mit dem damaligen Reza Schah Pahlavi eine exklusive Monopolstellung bzgl. Förderung, Produktion und Verkauf von iranischem Öl. Die AIOC wurde zwar im ersten Anlauf 1951 verstaatlicht und in die National Iranian Oil Company (NIOC) überführt. Nach dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Mohammad Mossadeghs durch die USA und Großbritannien im Jahr 1953, war die NIOC jedoch nur noch formelle Eigentümerin. Die AIOC/BP hielt nach der faktischen Re-Privatisierung nur noch 40 Prozent der Anteile und musste sich die Kontrolle u.a. mit US-amerikanischem Kapital teilen, welches in der Phase von 1954-79 damit spürbar an Einfluss auf die iranische Ölwirtschaft gewann. Die Revolution im Iran, die mit dem Herausdrängen des Imperialismus anstelle der Kollaboration eine neue herrschende Klasse setzte, bewies dennoch die Möglichkeit antiimperialistischer Erfolge in einer strategisch wichtigen Region wie dem Nahen und Mittleren Osten und löste bei den imperialistischen Akteuren nicht zuletzt große Angst vor einem antiimperialistischen Flächenbrand aus.
Angesichts der bleibenden und realen Gefahr einer US-Intervention baute das Mullah-Regime die sogenannte Achse des Widerstands auf, die sich primär auf die Hisbollah im Liba
non, die Huthi im Jemen und damals auf Bashar al-Assad in Syrien stützte. Diese Achse wurde in den letzten zwei Jahren durch die Bombardierungen und Kriegsführungen Israels und seiner Verbündeten im Libanon, Jemen und Syrien entschieden geschwächt. Der Sturz des syrischen Diktators Assad und die Machtergreifung einer prowestlichen Regierung durch al-Sharaa schwächte Teheran zusätzlich. Eine neue USA-Israel-Achse ist an die Stelle der Verbündeten Teherans getreten. Der durch die USA und Israel vom Zaun gebrochene Zwölftagekrieg im Juni hielt die militärische Drohung am Leben, dem iranischen Atomprogramm einen herben Schlag versetzen zu können. Die als Vorwärtsverteidigung gedachte Achse des Widerstands wurde also weitestgehend ausgeschaltet. Die Verbündeten Teherans, allen voran die Hisbollah, müssen durch die Ungewissheit der weiteren Existenz des Mullah-Regimes auch um ihre eigene Zukunft bangen. Die iranische Führung steht geopolitisch unter regionalen Vorzeichen fast schon nackt, ohne Schild da.
Die US-Führung hat während der Hochphase der iranischen Proteste auf der anderen Seite der Welt Venezuela überfallen und demonstrierte erneut die unverfrorene Aggressivität, mit der der US-Imperialismus auf die globalen Machtverschiebungen reagiert. Der Sturz Maduros und die Kontrolle über die venezolanische Ölindustrie dient der Vorbereitung auf eine zukünftige, direktere Konfrontation mit China. Einerseits konsolidiert die USA ihren „Hinterhof“ und bereitet ihn als Basis auf. Andererseits wird Venezuela aus dem chinesischen Einflussgebiet zunehmend entfernt.
Was für Venezuela gilt, gilt für den Iran in noch drastischerer Weise. Teheran ist Pekings drittwichtigster Öllieferant. Bis zu 600 Millionen Barrel Öl wurden 2025 nach China exportiert.[24] Die massiven internationalen Sanktionen gegen den Iran haben die Abhängigkeit Teherans gegenüber China ausgeweitet. Peking nimmt rund 90 Prozent des exportierten iranischen Öls ab.[25] Wie die Achse des Widerstands an den Iran angebunden ist, so ist der Iran an die Achse China-Russland in der Region angebunden. Ein möglicher Regimewechsel, der durch die herrschenden Kreise in Washington langersehnt ist, könnte eine weitere Verschiebung der zwischenimperialistischen Kräfteverhältnisse in der Region verursachen. Der Iran ist drittgrößtes ölproduzierendes OPEC-Land. Ein Aussetzen der iranischen Ölproduktion hätte für China im Besonderen und für den globalen Handel im Allgemeinen erheblichen Einfluss. Diese ökonomisch-geostrategische Bedeutung Teherans ermöglicht es Washington, den Druck auf Peking weiter zu erhöhen. Die geplante Verlegung des Flugzeugträgers „USS Abraham Lincoln“ plus Flotte stellt indirekt eine Drohung gegen China dar, obwohl der Träger vom Südchinesischen Meer abgezogen wird. Statt an der Front anzugreifen oder dort zumindest bereit zu stehen, werden die Verbündeten Pekings ins Visier genommen, da sie die momentanen Schwachstellen des US-Hauptkonkurrenten darstellen.
Das Schicksal der Arbeiterklasse und Völker Irans zwischen Mullah-Regime und imperialistischem Joch
Die zunehmenden inner-iranischen Klassenkämpfe einerseits und die Ausweitung des zwischenimperialistischen Hauptkonflikts Washington-Peking andererseits, erschweren die Herausforderungen für den iranischen Staatsapparat ungemein. Die Zunahme der staatlichen Gewalt ist Ausdruck der Furcht der herrschenden Klasse Irans vor ihrem eigenen Sturz und dem Niedergang seiner derzeit wichtigsten Fraktion.
Dabei stellt die jetzige Protestwelle kein Novum dar. In den 16 Jahren zuvor gab es bereits mehrere große Massenbewegungen, die sich gegen die Regierung richteten. Da wäre zum einen die Grüne Bewegung der Jahre 2008-09, die besonders durch die kleinbürgerlichen und nicht-islamischen Zwischenschichten getragen wurde und sich gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads richtete. Die Proteste der Jahre 2018-19 und 2022-23 wurden verstärkt durch die verarmten Mittelschichten, die Arbeiterklasse und die kurdische Bewegung getragen. Die jetzigen Proteste umfassen sogar ein noch breiteres Spektrum an Klassen, Zwischenklassen und Schichten. Wie bereits erläutert, vertieft die Abwendung der Bazaris als treue Basis der Mullahs, der Regierung und ihres Staatsapparats die Risse in der herrschenden Klasse und bedroht zumindest ihre bisherige Machtbasis. Die Implosionsgefahr der Proteste steigt von Ausbruch zu Ausbruch in immer größeren Wellen, die kurz- oder mittelfristig das klerikale Mullah-Regime zu ertränken drohen.
Der Fraktionskampf innerhalb herrschenden Klasse und die Verlagerung der Macht zugunsten der Revolutionsgarden veränderten die Möglichkeiten des Staates, die Balance der divergierenden Interessen zu erhalten und die Bedingungen für die herrschende Klasse in ihrer Gesamtheit zu stabilisieren. Das nun teilweise infrage gestellte staatlich subventionierte Wechselkurssystem begünstigt vor allem die Revolutionsgarden und die mit ihnen in Verbindung stehenden Netzwerke und Unternehmen. Im Falle einer Reform wird dieser Einfluss nicht zwangsläufig schwinden, da genügend Mittel und Wege vorhanden sind, die finanziellen Verluste abzufedern. Die Bazaris als absteigende Fraktion innerhalb der herrschenden Klasse und ihre damit einhergehende Abkehr vom Mullah-Regime vergrößern die Gefahr für die Kapitalistenklasse, ihre staatliche Überlebensfähigkeit als solche abzusichern.
Das bedeutet dennoch nicht automatisch, dass das Mullah-Regime am Ende seiner Tage ist. Umstürze sind keine automatisiert ablaufenden Prozesse. Sie treten nicht unweigerlich ein, weil die herrschende Klasse Angst um ihren Selbsterhalt hat. Solange es auf der anderen Seite der Rechnung keine soziale Klasse oder eine ihrer entsprechenden Fraktionen vermag, das gesamte Potential der Unzufriedenheit hinter sich zu vereinen, wird auch das Regime nicht in die Knie gezwungen werden. Eine solche Kraft muss nicht nur für sich selbst gut organisiert sein, sondern gleichzeitig durch Bündnisse die unterschiedlichen Kräfte um sich herum organisieren und anleiten können. Die Bazaris bilden eine solche Kraft nicht, zumindest nicht bisher. Keine der oppositionellen besitzenden Klassen kann die Forderungen der Arbeiterklasse und verarmten Schichten und der verschiedenen sozialen Bewegungen unter ihrem Banner vereinen.
Die Völker des Irans und seine Arbeiterklasse stehen vor einem großen Dilemma. Mit der zunehmenden Radikalisierung der Proteste steigt auch die Repression des Staates und der Druck äußerer Einmischung. Die Belagerung durch die westlichen Sanktionen, die stetige Propaganda von der Schah-Rückkehr, die Wirtschaftskrise und die verschärfte Konzentration des Reichtums in den Händen des industriell-militärischen Komplexes vertiefen die Verelendung der iranischen Arbeiterklasse. Im Moment der größten Gelegenheit ist die Organisiertheit als Klasse am schwächsten ausgeprägt – noch hat sich keine Kraft herausgebildet, die dem Kampf und den Interessen der iranischen Arbeiterklasse gegen das Mullah-Regime sowie gegen die äußeren Bedrohungen durch den Imperialismus Ausdruck verleihen kann.
Dennoch riskieren tagtäglich Massen von Werktätigen und unterdrückten Minderheiten ihr Leben. Ihr Kampf um Befreiung ist nicht zuletzt auch ein Kampf gegen das imperialistische Weltsystem und seine konkrete Barbarei in der Region. Für alle fortschrittlichen Kräfte weltweit ist der Kampf der Völker des Iran daher von herausragender Bedeutung. Umso wichtiger ist es, in Deutschland und den übrigen westlichen imperialistischen Staaten die internationale Solidarität hochleben zu lassen und sich zugleich einer drohenden oder zumindest angedrohten US-Invasion entgegenzustellen. Nur die Arbeiterklasse und Völker des Iran können über ihre Zukunft selbst entscheiden.
[1] Nach herrschender Berichterstattung fanden vor den Bazari-Protesten Ende Dezember keine Streiks durch Arbeiter in der Erdölindustrie statt. Wir werden weiter unten auf diese für die Berichterstattung der Klassenkämpfe im Iran charakteristischen Unterrepräsentation der Arbeiterklasse eingehen.
[2] Siehe ‚Zalime ölüm, ister şah olsun ister molla‘: İran’daki mücadeleyi kim sırtlıyor? Ela Ava. https://www.evrensel.net/haber/592377/zalime-olum-ister-sah-olsun-ister-molla-iran-daki-mucadeleyi-kim-sirtliyor
[3] Der Iran verfügt über eine Vielzahl von subventionierten Wechselkursen. Jeweilige Akteure nutzen den Zugang zu den staatlich garantierten Kursen, um Arbitrage-Gewinne einzufahren.
[4] Siehe Iran. Amensty International. https://www.amnesty.de/informieren/laender/iran
[5] Siehe Mass Protests in Iran: GIGA Researchers Provide Context. https://www.giga-hamburg.de/de/presse/massive-proteste-iran-giga-forschende-ordnen-ein
[6] Siehe Ahmadineschad und die Prinzipalisten. Walter Posch. Dezember 2011. S. 7-13. https://www.files.ethz.ch/isn/135275/2011_S35_poc_ks.pdf
[7] Siehe Narratives of ‚the Oppressed’—The Dialectic of Resistance Behind the Axis. Olmo Götz, Ruth Vollmer. https://www.merip.org/2025/01/narratives-of-the-oppressed/
[8] Siehe Why the once loyal bazaar merchants are now protesting in Iran. Auf Al-Jazeera. Kayhan Valadbaygi. Abgerufen 14.01.2026. https://www.aljazeera.com/opinions/2026/1/10/why-the-once-loyal-bazaar-merchants-are-now-protesting-in-iran
[9] Siehe The Rise of the Pasdaran – Assessing the Domestic Roles of Iran’s Islamic Revolutionary Guards Corps. RAND Corporation. S.55
[10] Ebd. 60
[11] Ebd. 55
[12] Siehe ‚Zalime ölüm, ister şah olsun ister molla‘: İran’daki mücadeleyi kim sırtlıyor? Ela Ava. https://www.evrensel.net/haber/592377/zalime-olum-ister-sah-olsun-ister-molla-iran-daki-mucadeleyi-kim-sirtliyor
[13] Ebd.
[14] Ebd.
[15] Siehe Teachers, Retirees, And Workers Hold Protest Rallies in Cities Across Iran. Mehdi Hosseini. https://iranfocus.com/economy/56346-teachers-retirees-and-workers-hold-protest-rallies-in-cities-across-iran/
[16] Siehe The working class in Iran: some background – class struggles from 1979-1989. Mostafa Saber. https://libcom.org/article/working-class-iran-some-background-class-struggles-1979-1989-mostafa-saber
[17] Ebd.
[18] Ebd.
[19] Ebd.
[20] Siehe The Working Class and the Islamic State in Iran. Haideh Moghissi, Saeed Rahnema. 2009. S.1
[21] Siehe Official Study: Protests in Iran More Working-Class, Spontaneous and Radical Than Ever Before. Benham Gholipour. https://iranwire.com/en/politics/105225-official-study-protests-in-iran-more-working-class-spontaneous-and-radical-than-ever-before/
[22] Siehe Iran: Horror without end – Strikes and protest continue. Esaias Yavari. https://marxist.com/iran-horror-without-end-strikes-and-protest-continue.htm
[23] Siehe İşçi sınıfı İran’daki eylemlerin neresinde? Ela Ava. https://www.evrensel.net/haber/594758/isci-sinifi-iran-daki-eylemlerin-neresinde
[24] Siehe Why Iran’s fate means more to oil markets than Venezuela’s. DW. https://www.dw.com/en/iran-venezuela-oil-china-united-states-protests/a-75507250
[25] Ebd.
