Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht in Einheit & Kampf, Nr. 52, Juli 2026.
Genosse Vijay Singh, unser Gründer und Herausgeber, ist nach einem zweimonatigen Kampf gegen den Krebs verstorben. Selbst in seinen allerletzten Tagen galt seine Energie noch der Fortführung dieser Zeitschrift und dem Druck der aktuellen Ausgabe, die er bereits gewissenhaft für die Veröffentlichung vorbereitet hatte. Trotz seiner nachlassenden Gesundheit war er jeden Tag bei der Arbeit, prüfte Dokumente, Übersetzungen und Artikel für die Veröffentlichung, kontaktierte Mitwirkende der Zeitschrift und antwortete Genossen, die mit Fragen an ihn herantraten. Seine Liebe und Fürsorge reichte weit über seine eigene Familie hinaus und umfasste einen sehr großen Kreis von Freunden und Genossen; er war überaus großzügig, spornte uns aber stets dazu an, unermüdlich für die von uns gewählte Sache zu arbeiten.
Vijay Singh lehrte Geschichte an der Universität von Delhi. – Er war ein sehr rücksichtsvoller Lehrer, der mit relativ leiser Stimme sprach, sich aber mit großem Engagement für seine Studierenden einsetzte. An der Universität engagierte er sich unermüdlich dafür, den Geschichtslehrplan sinnvoll und politisch relevant zu gestalten, für die legitimen Rechte der Lehrenden und des Universitätspersonals zu kämpfen und gleichzeitig auf fachlicher Rechenschaftspflicht zu bestehen. Er war ein furchtloser Verfechter der demokratischen Rechte aller unterdrückten Menschen: Der Dalits, Adivasis, Frauen, religiösen Minderheiten, revolutionären Aktivisten, kaschmirischen Aktivisten sowie der Arbeiter und Bauern. Vor allem führte er unermüdliche, aber zutiefst respektvolle Dialoge und Debatten mit revolutionären Genossen auf der ganzen Welt. Sein Internationalismus spiegelte sich in seinen herzlichen Beziehungen zu Genossen aus Pakistan, Bangladesch, Nepal und anderen Ländern wider. Sein einziges Bestreben war es, die Grundsätze des Marxismus-Leninismus und das Werk der KPdSU (b) unter Josef Stalin zu wahren und gegen alle Formen des Revisionismus zu kämpfen, die diese Grundsätze untergraben wollten. Zu diesem Zweck durchforstete er Bibliotheken und Archive auf allen Kontinenten, insbesondere die russischen Archive, um relevante Dokumente aufzuspüren, welche er mit seinen wissenschaftlichen Anmerkungen und Einleitungen veröffentlichte. Er brachte die hohen fachlichen Standards eines gewissenhaften Historikers in diese Arbeit ein und stellte so die Zuverlässigkeit dieser Veröffentlichungen sicher. Vijay Singh hatte ein tiefes und kritisches Verständnis für verschiedene Kunstformen entwickelt: Literatur, Malerei, Film, Architektur sowie klassische Musik, Jazz, Blues und die revolutionäre Musik der arbeitenden Völker. Als überzeugter Kommunist mit starkem moralischen Charakter verkörperte er den dem Kommunismus innewohnenden Humanismus durch sein sanftes und ruhiges Auftreten und seine völlige Abwesenheit von Egoismus oder Selbstbezogenheit.
Vijay Singh wurde am 27. Oktober 1946 in Rawalpindi vor der Teilung Indiens geboren. Die Familie wanderte während der Teilung des Landes nach Delhi aus. Sein Vater trat in den Dienst der indischen Hochkommission in London ein, und Vijay zog 1950 mit seinen Eltern nach England. Dort besuchte er die Haberdasher’s School, eine renommierte Privatschule, und anschließend das Christ’s College in Cambridge. Bereits als Schüler war er der Jugendorganisation der Labour-Partei beigetreten und radikalisierte sich während der Kämpfe gegen den Vietnamkrieg Ende der 60er Jahre. Zu dieser Zeit wandte er sich dem Marxismus-Leninismus zu und wurde durch Organisationen wie der Indian Marxist Leninist Association (IMLA) und der Marxist Leninist Organisation of Britain (MLOB) geprägt; außerdem pflegte er enge Kontakte zu Aktivisten wie Mike Baker und Bill Bland und zur Künstlerin Mauriene Scott. Anfang der 1970er Jahre lernte er Tripta Wahi kennen, die damals Doktorandin an der School of Oriental and African Studies (SOAS) war. Die beiden heirateten. Sie beschlossen, nach Indien zurückzukehren, um dort ihre politische Arbeit fortzusetzen. Beide begannen ihre Laufbahn als Geschichtsdozenten in Punjab und zogen anschließend nach Delhi, wo sie über Jahrzehnte hinweg Hunderte von Studenten unterrichteten. Sie haben zwei Töchter.
Die MLOB war ein Produkt der „Großen Debatte“ und stand der Politik der KPdSU seit 1956 kritisch gegenüber; sie kam zu dem Schluss, dass in der UdSSR der Kapitalismus wiederhergestellt worden sei. Gleichzeitig stand sie auch der Kommunistischen Partei Chinas und Mao kritisch gegenüber, den sie als bürgerlichen Nationalisten betrachtete. Sie wies zudem syndikalistische und linksradikale Tendenzen auf, weshalb sie die Thesen zur Einheitsfront des VII. Kongresses der Komintern sowie die von G. Dimitrov vertretene Politik ablehnten. Obwohl Vijay Singh einige Aspekte ihrer Kritik an der KPdSU und der KPCh würdigte, distanzierte er sich von ihren linksradikalen Positionen.
Vijay Singh begann seine politische Arbeit in Indien Anfang der 1970er Jahre. Mit der Ausrufung des Ausnahmezustands wurden demokratische Rechte stark eingeschränkt und der Staat übernahm außerordentliche Befugnisse. Es waren schwierige Zeiten für politische Aktivisten. In dieser Phase gründete er zusammen mit einem weiteren Genossen den „Stalinist Nucleus of India“ (SNI) und begann, Gespräche mit verschiedenen Strömungen der indischen Linken zu führen. Es lag nahe, enger mit den verschiedenen Gruppen zusammenzuarbeiten, die links von der CPI-M entstanden waren und weitgehend als „ML“ oder Anhänger der „Mao-Tse-Tung-Gedanken“ zusammengefasst wurden. Sie standen der KPdSU kritisch gegenüber, verteidigten den sozialistischen Aufbau unter Stalin und entschieden sich für einen revolutionären Weg anstelle des „parlamentarischen“ Weges, den die beiden großen kommunistischen Parteien verfolgten. Vijay Singhs Hauptkritik an diesen Gruppen bestand jedoch darin, dass sie die Arbeit mit dem städtischen Proletariat aufgegeben und ihre Aufmerksamkeit auf den Aufbau „ländlicher Stützpunkte“ gerichtet hatten, was theoretisch damit begründet wurde, den Feudalismus als den „Hauptwiderspruch“ zu identifizieren. Er war zudem der Ansicht, dass diese Gruppen durch die vollständige Abkehr von der Teilnahme am parlamentarischen Prozess einen links-extremistischen Fehler begingen. Einige dieser Gruppen betrieben zudem „revolutionären Terror“, den die marxistisch-leninistische Bewegung als kontraproduktiv verurteilt hatte und der letztlich die Festigung des reaktionären Staates ermöglichte.
Es war auch die Zeit, in der die Differenzen zwischen der KPCh und der Partei der Arbeit Albaniens (PdAA) offen zutage traten, als letztere die KPCh offiziell dafür kritisierte, dass sie an der Drei-Welten-Theorie festhielt und sich den USA öffnete. Enver Hoxha von der PdAA trat als Verfechter des Marxismus-Leninismus und des Werks von J. W. Stalin auf.
Vijay Singh war maßgeblich am Aufbau der „India Albania Friendship Association“ im Oktober 1978 beteiligt, deren Ziel es war, die Standpunkte der PdAA und die Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien bekannt zu machen. Der Verein gab in den Jahren 1978–79 eine Monatszeitschrift mit dem Titel „Socialist Albania“ heraus. Die Zeitschrift trug maßgeblich dazu bei, politische Gruppen zusammenzubringen, die sowohl von der Mainstream-Linken als auch von der ML-Politik desillusioniert waren. Im Zuge dieser Diskussionen knüpften Genosse Lashkar Singh aus Punjab, Genosse Moni Guha, ein langjähriger kommunistischer Revolutionär, und Vijay Singh einen fruchtbaren Dialog über die Geschichte des Revisionismus und die antirevisionistischen Kämpfe, die von mehreren weitsichtigen Persönlichkeiten der indischen kommunistischen Bewegung geführt wurden. Das Ergebnis war die Veröffentlichung einer neuen Reihe von „Proletarian Path“ unter der gemeinsamen Herausgeberschaft von Moni Guha, Lashkar Singh und Vijay Singh im Jahr 1981. Die letzte Ausgabe der Zeitschrift unter dieser Redaktion erschien 1982 und widmete sich ausschließlich der Entstehung der „Solidarność“ in Polen. Vijay Singh zeichnete in einem gründlich recherchierten Artikel den Abbau des sozialistischen Wirtschaftssystems in Polen und die Wiederherstellung des Kapitalismus nach, was zu den schweren Wirtschaftskrisen führte, die die Bewegung in den Jahren 1981–82 auslösten.
In den 1980er Jahren engagierte sich Vijay Singh intensiv in der Lehrerbewegung an der Universität Delhi, nahm an den Wahlen zur Delhi University Teacher’s Association (DUTA) teil und spielte eine wichtige Rolle bei den von der DUTA ausgerufenen Streikaktionen, die zu erheblichen Errungenschaften für die Lehrkräfte führten. Er war zudem an den Bemühungen des Fachbereichs Geschichte der Universität beteiligt, die Lehrpläne für Bachelor- und Masterstudiengänge zu überarbeiten, um sie an aktuelle Themen anzupassen und stärker an die marxistische Analyse der Sozialgeschichte anzulehnen. Neben seiner Lehrtätigkeit an einem College hielt er auch Vorlesungen zur europäischen sowie zur russischen und sowjetischen Geschichte an der Universität. Unzählige Studierende erinnern sich gerne an seinen intensiven Unterricht und auch an sein Engagement für das Wohl der Studierenden. Oft hielt er seine Vorlesungen auf Hindi, damit die Studierenden ihn besser verstehen konnten, obwohl die Universität keinen Unterricht in Hindi anbot. Er setzte sich aktiv dafür ein, dass den Studierenden hochwertige Lehrmaterialien in Hindi zur Verfügung standen, und unterstützte dabei einen Ausschuss der Universität, der für die „Einführung von Hindi“ eintrat.
In den 1980er Jahren kam es in Indien zu einer Bekräftigung ethnischer Identitäten; Kasten-, Sprach- und Religionszugehörigkeit begannen, eine wichtige Rolle in der Massenpolitik zu spielen. Unterdrückte Kasten wie die Dalits sowie Kasten, die ihren wirtschaftlichen Status in den letzten Jahrzehnten verbessert hatten, strebten nach einem Anteil an der politischen Macht. Als Gegenreaktion wurden rechtsgerichtete hinduistische und muslimische Identitäten aufgehetzt. Die Linke befand sich in einer Zwickmühle, da sie nur über recht schwache theoretische Rahmenkonzepte verfügte, um den neuen Herausforderungen zu begegnen. Zu dieser Zeit stand Vijay Singh fest auf der Seite der unterdrückten Kasten und in Opposition zum aufkommenden religiösen Fanatismus.
Ebenfalls in diesem Jahrzehnt schrieb sich Vijay Singh bei Prof. Parthasarathy Gupta für ein formelles Promotionsstudium ein, um Zugang zu Archivmaterialien zur sowjetischen Geschichte zu erhalten. Er begann, Bibliotheken und Archive in Westeuropa und später auch in Russland zu besuchen, als die Archive der KPdSU 1991–1992 für Wissenschaftler geöffnet wurden. Vijay Singh nutzte diese Gelegenheit, um wichtige Dokumente zu politischen Debatten und Entscheidungen in der Nachkriegszeit ausfindig zu machen, darunter Dokumente zu Debatten über die Strategien der Volksdemokratien sowie der kommunistischen und Arbeiterparteien in verschiedenen Ländern usw. Jahr für Jahr besuchte Vijay Singh die Archive und sammelte wertvolles Material. Das Material konnte er dabei selbst studieren, da er inzwischen Russisch gelernt hatte. Außerdem wählte er die wichtigsten Dokumente aus, um sie übersetzen zu lassen und der gesamten Bewegung zugänglich zu machen. Vor diesem Hintergrund erkannte Vijay Singh die Notwendigkeit einer theoretischen Zeitschrift, die sich mit den komplexen Erscheinungsformen des Revisionismus auseinandersetzte, die längst vergessenen alten Debatten jüngeren Genossen zugänglich machte und sie nutzte, um die aktuellen Probleme der Bewegung zu verstehen. Die Zeitschrift sollte eine Brücke zwischen der Vergangenheit der weltweiten kommunistischen Bewegung und der Gegenwart sein – eine Brücke, die von der heutigen Generation errichtet würde, um Erkenntnisse aus der Vergangenheit zu gewinnen. So begann der einzigartige Dialog, den „Revolutionary Democracy“ (RD) seit ihrer Gründung im Jahr 1995 führt. Anschließend schloss er sich mit einer Reihe von Genossen zusammen, um die gleichnamige Website „Revolutionary Democracy“ ins Leben zu rufen, die zu einer für alle leicht zugänglichen Online-Sammlung wichtiger Dokumente zur weltweiten kommunistischen Bewegung wurde.
Vijay Singh hatte enge Kontakte zu gleichgesinnten Genossen und Organisationen in mehreren Ländern geknüpft und war aktives Mitglied mehrerer internationaler Organisationen wie der IKMLPO. In all seinen Gesprächen war er bestrebt, das zu vermitteln, was er als marxistisch-leninistische Positionen ansah, die von Stalin, der KPdSU unter seiner Führung, der Komintern und dem Kominform vertreten wurden. Im Folgenden fassen wir einige seiner wichtigsten Positionen zusammen.
Das Wertgesetz und der Sozialismus
Einer der frühesten in „Revolutionary Democracy“ veröffentlichten Artikel befasst sich mit einem Thema, das Vijay Singh stets beschäftigte: die Restauration des Kapitalismus in der UdSSR. Er stützte sich dabei auf eine umfangreiche Literatur zu diesem Thema, die mit der „Großen Debatte“ begann, aber in den 1960er und 1970er Jahren von der Irish Communist Organisation, MLOB, Red Star usw. sowie von marxistischen Wissenschaftlern wie Martin Nicolaus weiterentwickelt wurde. Auch mehrere Marxisten in Indien hatten sich damit beschäftigt, und ihre Arbeiten fanden später schließlich breitere Beachtung. Vijay Singh baute darauf auf, drang jedoch viel tiefer in die Wurzeln der kapitalistischen Restauration sowie in den Prozess ein, durch den diese vollzogen wurde. Zu diesem Zweck nutzte er sowohl russische Bibliotheken als auch die kurz darauf geöffneten Archive der KPdSU und des GOSPLAN. Als Historiker, der den Revisionismus untersuchte, verfolgte er die Kontinuität des revisionistischen Denkens von Bogdanow über Bucharin und Trotzki bis hin zu den führenden sowjetischen Ökonomen zur Zeit Stalins und danach.
So gelang es ihm, die starken ideologischen Wurzeln des sowjetischen Revisionismus aufzuzeigen, der nicht nur in der UdSSR, sondern im gesamten Block der Volksdemokratien eine wichtige Rolle bei der kapitalistischen Restauration spielen sollte.
Vijay Singhs wesentliches Argument hierzu lässt sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Grundlagen des Sozialismus waren in der UdSSR bis Ende der 1930er Jahre gelegt worden, da die gesamte industrielle Produktion im staatlichen Sektor stattfand, der von der Diktatur des Proletariats kontrolliert wurde, und die landwirtschaftliche Produktion teils unter staatlicher, teils unter kollektiver Verwaltung stand, also einer Art Gemeinschaftseigentum. Die Kollektivfarmen besaßen dabei nicht die Produktionsmittel, also weder das Land, das verstaatlicht worden war, noch die Maschinen, Traktoren usw., die sich im Besitz des Staates befanden. Sowohl der staatliche Sektor als auch der Sektor der Kollektivbetriebe unterlagen einer zentralisierten Planung, durch die die Ressourcen zugeteilt wurden. Die Ressourcenzuteilung basierte nicht wie im kapitalistischen System auf dem Wertgesetz, sondern auf den vom proletarischen Staat festgelegten Gesamtbedürfnissen. Ein deutlicher Indikator hierfür war die hohe Zuweisung von Ressourcen an den Wirtschaftssektor, der Produktionsgüter herstellte (d. h. Abteilung I), im Vergleich zum Sektor, der Konsumgüter produzierte (Abteilung II). Dies war für ein nachhaltiges Wachstum der sozialistischen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.
- Dies stellte lediglich die erste Phase des Aufbaus des Sozialismus und des Kommunismus in der UdSSR dar. Es gab weitreichende Debatten und Diskussionen über die Aufgabe, die vor dem proletarischen Staat lag, um diesen Prozess voranzutreiben. Ein Argument lautete wie folgt: da die Grundlagen des Sozialismus geschaffen wurden, würde es nun lediglich darum gehen, die Produktion zu rationalisieren und zu steigern. Eine solche Rationalisierung der Produktion sollte unter Anwendung des Wertgesetzes erfolgen, das den relativen Preis der verschiedenen in der Wirtschaft produzierten Waren festlegte. Das Wertgesetz spielte und sollte eine entscheidende Rolle bei der Verteilung der Produktionsressourcen (Produktionsmittel) auf verschiedene Sektoren bzw. Unternehmen spielen. Die Vorläufer dieser Sichtweise gingen auf vorrevolutionäre Theoretiker wie Bogdanow und Bucharin zurück.
- Im Gegensatz zu der oben genannten Argumentationslinie hatte Stalin geltend gemacht, dass der Übergang zum Kommunismus eine tiefgreifende Umstrukturierung der sowjetischen Gesellschaft erfordere und nicht bloß eine „Rationalisierung der Produktion“. Da die sowjetische Wirtschaft auf einer dualen Eigentumsstruktur beruhte – dem staatlichen Sektor einerseits und der Vielzahl von gruppengesteuerten Kollektivbetrieben andererseits –, erforderte der Übergang zu einer höheren Form des Sozialismus die „Aufwertung“ der Kollektivbetriebe zu Staatsbetrieben. Diese Vielfalt der Eigentumsformen bildete die Grundlage der Warenproduktion und des Wirkens des Wertgesetzes, wenn auch in abgeschwächter Form. Es ging nicht darum, den Wirkungsbereich des Wertgesetzes bei der Zuteilung der Produktionsmittel zu erweitern, sondern darum, diesen Wirkungsbereich durch die Vereinheitlichung der Eigentumsformen und der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse im Land weiter einzuschränken.
- Stalin hatte ferner argumentiert, dass der Abteilung I mehr Ressourcen zugewiesen werden müssten, um das künftige Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten, das eine wesentliche Voraussetzung für die Bewältigung der zuvor skizzierten Aufgaben sei.
- Da Politik der konzentrierte Ausdruck der Wirtschaft ist, konnte dieser Prozess nur durch eine weitere Festigung der Diktatur des Proletariats gesteuert werden, ohne diese zu verwässern. Das Proletariat (sowohl in den Städten als auch auf dem Land) musste diese endgültige Umwandlung der sowjetischen Bauernschaft in das sowjetische Proletariat anführen.
- Die Debatten über die sowjetische Planwirtschaft zwischen 1941 und bis zur Veröffentlichung von Stalins Werk „Wirtschaftliche Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ sowie die Veränderungen in der Führung der wichtigsten Wirtschaftsgremien wie dem GOSPLAN verdeutlichen, worum es dabei ging. Im Nachhinein scheint es, dass die Denkschule der „Rationalisierung der Produktion durch das Wertgesetz“ sowohl unter Ökonomen als auch in der politischen Führung breite Unterstützung fand. Es waren Stalins Autorität und die Unterstützung einiger seiner standhaften Genossen, die diese Strömung in Schach hielten.
- Nach Stalins Tod (der möglicherweise mit dieser Debatte in Zusammenhang stand oder auch nicht) kam es fast unmittelbar zum Rückzug der Pläne und zur Einführung einer Politik, die darauf abzielte, den Wertgesetzen in der UdSSR freien Lauf zu lassen. Vijay Singh dokumentierte diesen Prozess detailliert, beginnend mit den Tagen unmittelbar nach Stalins Tod, dem 20. Parteitag der KPdSU und darüber hinaus. Für Vijay Singh kam die bedeutendste Wende mit dem Verkauf der Maschinen-Traktor-Stationen an die Kollektivfarmen im Jahr 1958, was im Wesentlichen bedeutete, dass nun in der UdSSR die Produktionsmittel zu Waren geworden waren und somit die Verteilung der Produktionsmittel dem Wertgesetz unterlag – einem wesentlichen Merkmal des Kapitalismus.
Einige seiner wegweisenden Artikel zu diesem Thema sind die folgenden:
- „Stalin und die Frage des ‚Marktsozialismus‘ in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg“, RD, April 1995
- Einleitung zu „Zwei Briefe von Friedrich Engels“, RD, September 1995
- „Die KPdSU(B), der Gosplan und die Frage des Übergangs zur kommunistischen Gesellschaft in der Sowjetunion 1939–1953“, RD, April 1997
- Stalin und die Entstehung der politischen Ökonomie des Sozialismus, RD, September 1998
- Einige Überlegungen zu „Chruschtschow hat gelogen“ von Grover Furr, RD, September 2022
- Vorwort zu „Über den neuen Brief von Jaroschenko“, RD, April 2023
- Die Ausarbeitung des Entwurfs des Dritten Programms der KPdSU(b) von 1947, RD, Oktober 2023
- Einleitung zu K. Ostrowitjanows „Waren, Produktion und das Wertgesetz im Sozialismus“, April 2025
Volksdemokratie
Ein damit zusammenhängendes Thema, das Vijay Singh sehr am Herzen lag, war die Volksdemokratie. In der marxistischen Literatur werden diese Länder im Allgemeinen als „sozialistisch“ oder einfach als ein weiteres kapitalistisches Land betrachtet, das sich dem „sowjetischen Imperialismus“ angeschlossen hat. Diese Kategorie war gegen Ende des antifaschistischen Krieges entstanden und wurde weithin als Ergebnis breiter nationalistischer Einheitsfronten angesehen, die gegen die Achsenmächte kämpften und deren theoretische Grundlagen auf die Einheitsfront-Thesen des VII. Kongresses der Komintern zurückgehen. Denjenigen, die mit der Großen Debatte vertraut sind, ist recht gut bekannt, dass Jugoslawien unter der Führung von Marschall Tito einen Weg einschlug, der im Widerspruch zu dem stand, den die Kominform und die KPdSU unter Stalin empfahlen. Zu den wichtigsten Ereignissen im Zusammenhang mit den osteuropäischen Volksdemokratien zählten der ungarische Aufstand von 1956, die sowjetische Invasion in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 sowie in der Folge die Entstehung der Solidarność-Bewegung in Polen und der endgültige Fall der Berliner Mauer. Die Partei der Arbeit Albaniens unter der Führung von Enver Hoxha schloss sich zunächst der KPCh unter Mao an, stand dieser jedoch später kritisch gegenüber, als China beschloss, sich dem US-Imperialismus zu öffnen. Eine Gruppe von Ländern Südostasiens wie Vietnam, Kambodscha und Nordkorea sowie China und Kuba werden ebenfalls der Kategorie der Volksdemokratien zugeordnet, wobei sich die meisten von ihnen heute als sozialistisch bezeichnen. Vijay Singh ging über die bloßen Bezeichnungen hinaus und untersuchte das Konzept der Volksdemokratie als Weg zum Sozialismus sowie die tatsächliche Praxis in den Ländern, die diesen Namen tragen. Bei der Untersuchung sowjetischer Archivmaterialien – insbesondere der Dokumente der Kominform sowie der stenografischen Aufzeichnungen von Gesprächen und des Schriftwechsels mit brüderlichen kommunistischen Parteien und der sowjetischen Führung unter Stalin – erkannte Vijay Singh, dass die KPdSU die Volksdemokratie nicht nur in halbkapitalistischen oder kolonialisierten Ländern, sondern auch für fortgeschrittene imperialistische Länder wie Japan, die USA und Großbritannien als wichtigen Weg zur sozialen Revolution betrachtete. Die Untersuchung politischer Konsultationen mit der Führung der KPdSU und der programmatischen Dokumente der meisten Länder aus der Zeit um 1951 zeigte deutlich, dass Stalin und die KPdSU die Volksdemokratie als bevorzugten Weg für den Wandel dieser Länder befürworteten. Breit angelegte Bündnisse, die echte Demokratien etablieren würden, in denen die Interessen der breiten Massen die treibende Kraft wären, um die Macht der Überreste des Feudalismus wie Monarchien, Großgrundbesitz, Leibeigenschaft, nationale und ethnische Diskriminierung sowie den Einfluss von „Monopolen“ zu beseitigen. Dies sollte die erste Etappe im Übergang zum Sozialismus sein. Angesichts der sehr großen Vielfalt der Länder, denen diese Form der Revolution empfohlen wurde, gab es viel theoretische Verwirrung. Vijay Singh versuchte, die Schlüsseldokumente zu untersuchen, um die verschiedenen Modelle der Volksdemokratien sowie die Etappen, über die sie zum Sozialismus übergehen sollten, und die tatsächlich von ihnen eingeschlagenen Wege zu entschlüsseln.
Einer seiner frühesten Artikel zu diesem Thema (eine Fallstudie über Polen) erschien 1982 in der Ausgabe von „Proletarian Path“, die der Solidarność-Bewegung in Polen gewidmet war. Er griff dieses Thema 1999 erneut auf, dem Jahr des fünfzigsten Jahrestags der chinesischen Revolution. Er untersuchte die Diskussion in der sowjetischen Wissenschaft über den historischen und politischen Charakter der Volksdemokratien, die verschiedenen Entwicklungsstadien, unterschiedliche Modelle der Volksdemokratien usw., wobei er auch die Übertragbarkeit des chinesischen Modells auf andere asiatische Länder wie Indien berücksichtigte. Hervorgehoben wurde, dass Volksdemokratien unter der besonderen Voraussetzung entstanden, dass die UdSSR als Bastion des Sozialismus und der proletarischen Diktatur existierte, was es Ländern mit relativ schwach entwickelten proletarischen Bewegungen ermöglichte, die Aufgaben der demokratischen und nationalen Revolution zu erfüllen und den Aufbau des Sozialismus voranzutreiben. Auch Fälle wie die Mongolei wurden betrachtet, in der es scheinbar überhaupt keine proletarische Klasse gab.
Vijay Singh wies darauf hin, dass die KPdSU und Stalin um 1950/51 umfangreiche Gespräche mit kommunistischen Parteien aus verschiedenen Ländern führten und ihnen dabei halfen, überarbeitete Parteiprogramme zu formulieren, die die Erfahrungen aus den antifaschistischen Kämpfen und die neuen Realitäten der Nachkriegswelt berücksichtigten. Dazu gehörte natürlich die überwältigende Präsenz der UdSSR sowie die Tatsache, dass ganz Osteuropa und China zu Volksdemokratien geworden waren und den Weg zum Aufbau demokratischer und sozialistischer Gesellschaften eingeschlagen hatten. So hatten die meisten kommunistischen Parteien um 1951–52 neue Programme ausgearbeitet. Die oben erwähnte Konferenz der sowjetischen Wissenschaft war ebenfalls Teil genau dieses Prozesses.
Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Stalin und die KPdSU zu der Ansicht gelangt waren, dass Kommunisten und Arbeiter unter den neuen Bedingungen der Nachkriegswelt versuchen sollten, die unvollendeten demokratischen Aufgaben in ihren Ländern zu identifizieren, wozu auch die Konzentration der Kämpfe gegen die Monopolkapitalisten jener Länder gehören könnte, die als Hauptverfechter imperialistischer Politik angesehen wurden. Dies würde bedeuten, breite Bündnisse nicht nur mit anderen arbeitenden Menschen wie Bauern und Handwerkern, sondern auch mit Kleinunternehmern wie Händlern und Kleingewerbetreibenden zu schmieden, die angeblich von den Monopolkapitalisten unterdrückt wurden. Zwar sollte die Führung fest in den Händen der Arbeiterklasse liegen, doch handelte es sich nicht um eine „Diktatur“ des Proletariats, sondern um eine Machtteilung zwischen dem Proletariat und anderen Klassen. Ebenso bedeutete dies nicht zwangsläufig eine sowjetische Form der Demokratie, sondern konnte auch parlamentarische Formen der Demokratie umfassen (ein durch allgemeines Wahlrecht gewähltes Parlament). Ein solcher Staat würde durch einen revolutionären Prozess entstehen. Sollten die reaktionären Klassen (Großgrundbesitzer, Monopolisten, Kapitalisten) zu Gewalt oder Sabotage greifen, würde der Staat sie mit aller Härte niederschlagen. Diese Maßnahmen wurden jedoch als Übergangsmaßnahmen betrachtet, in dem Sinne, dass nach Abschluss der demokratischen Aufgaben ein nahtloser Übergang zur sozialistischen Stufe erfolgen sollte, was die Enteignung der Bourgeoisie und der ländlichen Kulaken sowie den Übergang zur Kollektivierung in der Landwirtschaft bedeutete. Von Bedeutung ist, dass diese Aufgaben von ein und demselben Staat erfüllt werden sollten: „Das demokratische Volksregime erfüllt die Funktionen der Diktatur des Proletariats im Kampf um den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus.“ Vijay Singh interpretierte dies so, dass auch innerhalb des Staates die Parteien, die die Bourgeoisie vertraten (kleine, mittlere, nationalistische usw.), entlarvt und aus den Machtpositionen entfernt werden sollten.
Im Jahr 2007 verfasste Vijay Singh einen umfassenden Artikel über das Programm der Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB) von 1951, in dem er dessen Unterschiede zum vorherigen Programm von 1935 sowie die nach 1956 eingeführten Änderungen aufzeigte. Er wies auf die im Anschluss an den XX. Parteitag der KPdSU vorgenommenen Änderungen hin, die eine radikal neue Interpretation der Volksdemokratie lieferten und den Weg für einen „friedlichen parlamentarischen Weg“ ebneten. Einige Jahre später griff er das Thema erneut auf und verfasste einen längeren Artikel, der auf seinen Untersuchungen zu bestimmten Grundformulierungen im Zusammenhang mit den Volksdemokratien in Osteuropa, China, Korea usw. basierte („Einige Fragen zur Diktatur des Proletariats und zu den Volksdemokratien“, RD, April 2022). Einer seiner letzten Artikel war schließlich eine Reaktion auf einen Verteidiger Nordkoreas und Kim Il Sungs („Einige Probleme der volksdemokratischen Revolution in der DVRK“, RD, Oktober 2025).
Vijay Singh argumentierte, dass die Volksdemokratien Osteuropas nach 1948 die sozialistische Phase eingeleitet hätten, während Korea und China dabei waren, die Aufgaben der demokratischen Revolution zu vollenden (Abschaffung des Großgrundbesitzes, Landumverteilung, Enteignung der proimperialistischen Kapitalisten und der im Besitz der japanischen Kolonialregierungen befindlichen Güter usw.). Daher galten China und Korea als Formen der „demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“, bei der die Macht mit patriotischen Kräften geteilt wurde. Er wies ferner darauf hin, dass sich nach 1953–56 die meisten Volksdemokratien – mit der bemerkenswerten Ausnahme Albaniens – davon zurückzogen, zur zweiten Phase überzugehen, d. h. zur sozialistischen Umgestaltung. Sie gingen umgekehrt zur Dekollektivierung der Landwirtschaft oder zur Aufnahme bürgerlicher Elemente in die Genossenschaften oder Kollektivbetriebe sowie zum Verzicht auf den Ausschluss bürgerlicher Elemente aus dem Staat über. Tatsächlich vollzog außer Albanien keine der Volksdemokratien den Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Phase. Alle behaupteten nach 1958 ohne jegliche Rechtfertigung, sozialistisch zu sein. Für Vijay Singh war dies somit Teil des Prozesses des globalen Angriffs des Revisionismus und der Zerschlagung des Sozialismus. Er betrachtete daher die Verteidigung der Partei der Arbeit Albaniens unter der Führung von Enver Hoxha als eine wichtige Aufgabe der Kommunisten, die sich auch in der Gründung der bereits in diesem Nachruf erwähnten Indisch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft widerspiegelte.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, Vijay Singhs Sichtweise auf Maos Beiträge zur kommunistischen Bewegung näher zu betrachten. Er vertrat die Auffassung, dass Mao bis 1953 im Großen und Ganzen marxistisch-leninistischen Prinzipien folgte und danach entweder eine links-extremistische oder eine rechts-revisionistische Linie einschlug. Tatsächlich konnte er darauf hinweisen, dass die frühen Veröffentlichungen von Maos Werken, die vor 1953–1954 erschienen, Formulierungen enthielten, die in späteren Auflagen entweder gestrichen oder überarbeitet wurden. Trotz dieser Vorbehalte betrachtete Vijay Mao jedoch als Revolutionär.
Ein revolutionäres Programm für Indien
Obwohl Vijay Singh vorgehabt hatte, eine umfassende Darstellung der Entstehung des Programms der CPI von 1951–1952 zu verfassen, war es ihm lediglich gelungen, sehr wichtige Archivmaterialien zu den Diskussionen zwischen der Führung der KPdSU – darunter Stalin – und den verschiedenen Strömungen innerhalb der Führung der CPI ausfindig zu machen. Er verfasste wichtige Anmerkungen zur Einführung in diese Dokumente, von denen die meisten erstmals auf Englisch zugänglich gemacht wurden. Nach einer gründlichen Analyse dieser verschiedenen Strömungen war er zu dem Schluss gekommen, dass das Programm von 1951 das geeignetste sei und dass es für die indische kommunistische Bewegung bis heute relevant bleibe.
Als Vijay Singh Anfang der 1970er Jahre seine politische Arbeit in Indien aufnahm, fiel dies mit einem Aufschwung der Arbeiterbewegung zusammen, da die organisierten Streikaktionen kurz vor der Ausrufung des Ausnahmezustands durch die Regierung unter Indira Gandhi ihren Höhepunkt erreicht hatten. Dies ging mit einer Art Rückgang des Programms der Agrarrevolution einher, das von der sogenannten Naxalbari-Bewegung[1] initiiert worden war. Er sah die Notwendigkeit, in einen Dialog mit den Naxalbari-Strömungen zu treten, da diese offenbar mehrere Schlüsselbereiche der revolutionären Arbeit vernachlässigten und sich fälschlicherweise auf den Aufbau ländlicher und in der Folge waldbasierter Stützpunkte konzentrierten. Er war überzeugt, dass eine revolutionäre Bewegung von der organisierten Arbeiterklasse unter der Führung einer kommunistischen Partei angeleitet werden müsse und dass der Aufbau von Stützpunkten, die von Bauern oder Stammesvölkern getragen wurden, nicht ausreiche – insbesondere im Kontext eines konsolidierten, einheitlichen indischen Staates, der vom Imperialismus gestützt wurde. Er war der Ansicht, dass kommunistische Organisationen ihre Arbeit mit der Bauernschaft und mit der Organisation und Führung der städtischen Arbeiter verbinden müssten. Er sah auch die Notwendigkeit, legale und parlamentarische Arbeit als Teil der revolutionären Strategie einzubeziehen, da die Aufgabe dieser Arbeit das Feld den Reformisten, Revisionisten und den Befürwortern des „parlamentarischen Weges“ überließ. Vijay Singh lehnte zudem die Praxis des individuellen Terrorismus ab, der im Namen der Beseitigung von „Klassenfeinden“ ausgeübt wurde und seiner Ansicht nach langfristig nur den Staatsapparat stärkte. Diskussionen darüber führten, wie bereits dargelegt, zur Gründung der gemeinsamen Redaktion von „Proletarian Path“. Die Zusammenarbeit ließ jedoch nach, als Moni Guha und seine Genossen zu argumentieren begannen, dass sich die Revolution in Indien nun in der sozialistischen und nicht mehr in der demokratischen Phase befinde und dass Kommunisten auf die Diktatur des Proletariats hinarbeiten müssten. Vijay Singh lehnte diese Formulierung entschieden ab, woraufhin eine Polemik zwischen „Proletarian Path“ und „Revolutionary Democracy“ entbrannte. Er vertrat die Ansicht, dass Indien weiterhin halbkolonial sei, mit Überresten des Großgrundbesitzertums, anhaltender Unterdrückung auf der Grundlage von Stammeszugehörigkeit und Kasten sowie der Unterdrückung nationaler und ethnischer Minderheiten. Die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus, d. h. eine starke industrielle Basis mit Schwerpunkt auf der Produktion von Produktionsgütern („Abteilung I“), waren in Indien nicht gegeben. Daher müsse die Arbeiterklasse ein Bündnis mit der unterdrückten Bauernschaft, den unteren Kasten, den Stämmen und den nationalen Minderheiten eingehen, um die demokratischen Aufgaben zu vollenden und anschließend unter der Diktatur des Proletariats zum sozialistischen Aufbau überzugehen. Er war somit überzeugt, dass die Revolution weiterhin auf einer demokratischen Stufe stehe, die durch ein breites Bündnis aus Proletariat und Bauernschaft erreicht werden müsse.
Etwa zu dieser Zeit begann Vijay Singh, die Archive der KPdSU zu durchforsten, wo er wichtige Stenogrammprotokolle und Briefe entdeckte, die sich auf den Austausch zwischen der zersplitterten Führung der indischen kommunistischen Bewegung und der von Stalin angeführten KPdSU bezogen. Diese Dokumente wurden gesammelt, sorgfältig übersetzt, mit Anmerkungen versehen und über mehrere Jahre hinweg in der Zeitschrift veröffentlicht. Sie werfen ein umfassendes Licht auf die internen Debatten innerhalb der CPI und die bedeutenden Beiträge der KPdSU zur Lösung dieser Debatten und zur Weichenstellung für die Zukunft. Das Ergebnis dieser Gespräche waren die 1951 veröffentlichten Grundsatzdokumente, darunter das neue Programm der CPI, die „Taktische Linie“ und die „Politische Erklärung“. Vijay Singh setzte sich energisch für dieses Programm ein und führte weitreichende Diskussionen mit Genossen der indischen Linken.
Die oben genannten Diskussionen machen deutlich, warum Vijay Singh so sehr daran interessiert war, J. W. Stalin und sein Werk sowie die UdSSR, die KPdSU, die Komintern und den Kominform unter dessen Führung zu verteidigen. Für ihn mündete eine Abweichung von dem von Stalin vorgezeichneten klaren Weg in den Revisionismus und in die letztendliche Zerschlagung des Sozialismus – nicht nur in der UdSSR und den Volksdemokratien, sondern auch des sozialistischen Traums weltweit. Daher war es für ihn unerlässlich, Stalin gegen alle Verleumdungen und Falschdarstellungen zu verteidigen, die von der imperialistischen, liberalen und revisionistischen Presse verbreitet wurden. Dies war sowohl notwendig, um Stalins Ruf zu rehabilitieren, als auch um den von ihm vertretenen revolutionären Weg zu beleuchten. Die Zeitschrift veröffentlichte eine große Anzahl solcher Artikel, jedoch stets nach sorgfältiger Prüfung der Authentizität der Informationen und der Fakten.
Man muss fairerweise festhalten, dass Vijay Singhs Denkweise und Methode nicht ohne gewisse Schwächen waren. Erstens war seine historische Methode meiner Meinung nach sehr stark auf Dokumente, Druckwerke und Archivmaterialien ausgerichtet. Dieses an Ranke[2] angelehnte Vertrauen auf Archive und Dokumente vermittelt uns zweifellos ein sehr fundiertes Verständnis der Themen, doch bleibt die Tatsache bestehen, dass sie weder die gesamte Realität noch die tatsächlichen Komplexitäten des Lebens widerspiegeln. Zweitens wandte er seine fundierten Analysemethoden selten auf die heutige Welt und ihre Probleme an, sondern überließ dies anderen. Er ging fast davon aus, dass die grundlegenden Parameter von Konflikten seit den 1950er Jahren konstant geblieben seien. Ich halte es nun für umso wichtiger, dass wir seine Methoden und Perspektiven nutzen, um die heutige Welt zu untersuchen.
Der polemische Stil von Vijay Singh war auf seine Weise einzigartig. Er versuchte nicht, seine Gegner herabzuwürdigen oder lächerlich zu machen. Stattdessen begegnete er denjenigen, mit denen er nicht einer Meinung war, mit größtem Respekt und Würde. Er versuchte lediglich aufzuzeigen, dass die Argumente des Gegners nicht den Tatsachen entsprachen oder nicht im Einklang mit den Werken von Marx, Engels, Lenin oder Stalin standen. Und in vielen Fällen zeigte er, wie die Ansichten der Gegner eher den verschiedenen revisionistischen Strömungen entsprachen, die im Laufe der Bewegung entstanden waren und von den klassischen Autoritäten kritisiert worden waren. Eine solch würdevolle Polemik ermöglichte es ihm, den Dialog auch dann fortzusetzen, wenn die Meinungsverschiedenheiten offensichtlich waren.
Die unermüdliche Arbeit des Genossen Vijay Singh erhellt unseren Weg hin zu Demokratie und Sozialismus!
Es lebe der Genosse Vijay Singh!
Es lebe die Revolution!
[1] Die Naxalbari-Bewegung war ein bewaffneter Bauernaufstand im Jahr 1967 in dem Dorf Naxalbari (Westbengalen, Indien). Sie forderte Land für die Ärmsten und lehnte sich gegen reiche Grundbesitzer auf. Die Bewegung löste den bis heute andauernden Naxaliten-Konflikt in Indien aus.
[2] Leopold von Ranke (1795-1886), Historiker des 19. Jh. und „Vater der wissenschaftlichen Geschichte“
