Leseliste – Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus
Warum eine Leseliste – und warum so alte Texte?
Viele Interessierte am Marxismus fragen sich, ob es nicht einfachere Wege gibt, sich die Inhalte anzueignen. Wir denken jedoch, dass es wichtig ist, Originale zu lesen – einerseits, weil viele Grundlagen hier (selbst Texten von vor über 100 Jahren) so gut wie nirgendwo anders dargestellt werden. Andererseits auch, weil diese Texte beweisen, dass Theorie und Praxis zusammenhängen: Sie wurden geschrieben, um sie in Zeitungen und Broschüren in der Arbeiterklasse verbreitet, viele von ihnen sind in Auseinandersetzungen in der Bewegung entstanden, wurden von Generationen vor uns gelesen und als Anleitungen für den Klassenkampf genutzt. Sie sind somit nicht nur theoretische Abhandlungen, sondern atmen auch den Geist des Klassenkampfes und können uns somit ein besseres Verständnis bieten.
Diese Liste enthält einige Texte, die wir für den wissenschaftlichen Sozialismus und die Geschichte der kommunistischen Bewegung entscheidend finden. Dazu findet ihr hier Fragen, die die Diskussion und das Lesen der Texte fruchtbarer gestalten können.
W.I. Lenin
Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus
3 Seiten, 1913
Der Text ist eine sehr kurze Darstellung der „drei Quellen und Bestandteile“ des Marxismus: Philosophie, politische Ökonomie und Sozialismus.
Gerade der Einstieg: „Die marxistische Lehre ist allmächtig, weil sie wahr ist“ kann diejenigen von uns, die in Schule und Studium beigebracht bekommen haben, dass es keine Wahrheiten gibt, erstmal zusammenzucken lassen. Ein guter Einstieg für einen ersten Überblick.
Fragen zur Diskussion:
- Was bedeutet es, dass die Lehre von Marx „allmächtig“ ist, weil sie „wahr“ ist?
- Warum kann Wissenschaft nicht unparteiisch sein?
Friedrich Engels
Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft
39 Seiten, 1880
Dieser Text basiert auf einem längeren Text, dem sogenannten „Anti-Dühring“, in dem Marx und Engels ihre Anschauungen gegen Eugen Dühring (später Vordenker eines rassistischen Antisemitismus) verteidigten. Der Text führt in die Grundlagen der marxistischen Philosophie, die Dialektik und den Materialismus, sowie die politische Ökonomie ein. Er wurde von Marx in einem Vorwort als „Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“ bezeichnet.
Fragen zur Diskussion:
- Was unterscheidet utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus?
- Was ist der Unterschied zwischen Dialektik und Metaphysik?
- Was zeichnet die materialistische Geschichtsauffassung aus?
- Was ist mit dem Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung gemeint und wie äußert sich dieser?
- Was beschreibt der Begriff „Anarchie der Produktion“?
Karl Marx, Friedrich Engels
Das Manifest der kommunistischen Partei
32 Seiten, 1848
Das Manifest der kommunistischen Partei erschien 1848 in London. Es gab der ersten kommunistischen Partei, dem „Bund der Kommunisten“, ein revolutionäres Programm und war die erste Darlegung eines kommunistischen Programms in der Geschichte. Es zeigt die Widersprüche und Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft und vor allem die daraus entstehende Notwendigkeit des Kampfes für den Kommunismus auf wie kaum ein anderer Text.
Fragen zur Diskussion:
- Welche Rolle hat die Bourgeoisie in der Geschichte gespielt?
- Was zeichnet das Proletariat aus? Was meint der Satz: „Von allen Klassen, welche heutzutage dem Proletariat gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse“?
- Wie stehen die Kommunisten dem Proletariat gegenüber?
- Was heißt Privateigentum und wie stehen die Kommunisten allgemein zum Eigentum?
- Wie stehen die Kommunisten zur Familie, zur Rolle der Frau und zur Nation?
- Was ist das Ziel der Kommunisten in Bezug auf den Staat?
Josef Stalin
Über dialektischen und historischen Materialismus
1938
Mit der proletarischen Revolution und dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion kam eine neue Aufgabe auf die Kommunisten zu: Damit breitere Teile der Bevölkerung an diesem Aufbau bewusst teilhaben konnten musste das allgemeine Bildungsniveau gehoben werden. Neben großen Kampagnen, in denen Menschen das Lesen und Schreiben lernten, gehörte dazu auch eine allgemeinverständliche Darlegung der Grundlagen des Marxismus. In dem Buch „Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU“, das die Parteigeschichte und den Kampf verständlich machen sollte, wurde ein Kapitel eingefügt, das so allgemeinverständlich wie möglich die philosophischen Grundlagen des dialektischen und historischen Materialismus darlegen sollte – das Ergebnis ist eine bis heute besonders übersichtliche und verständliche Darstellung.
Fragen zur Diskussion:
- Was ist die Grundfrage der Philosophie?
- Was sind die vier Gesetze der Dialektik?
- Was ist die grundlegende Triebkraft der Geschichte? Was ist Basis und Überbau? Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen? Welche Gesellschaftsformationen hat die Menschheit bisher durchlaufen?
- Was sind die hauptsächlichen Erscheinungsformen idealistischer Philosophie heute?
Karl Marx
Lohn, Preis, Profit
49 Seiten, 1865
Dieser Text ist das Manuskript eines Vortrages, den Marx vor dem Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation, der sogenannten Ersten Internationale, in der sich die Arbeiterparteien verschiedener Länder zusammenschlossen, hielt. Es legt Grundlagen der politischen Ökonomie dar, die Marx dann in seinem Werk „Das Kapital“ ausführte. Vor allem geht es darum, wie Wert und Ausbeutung im Kapitalismus funktioniert – die Mehrwerttheorie wird erklärt.
Karl Marx
Lohnarbeit und Kapital
26 Seiten, 1847
Dieser Text ist eine Zusammenstellung von Artikeln aus der von Marx herausgegebenen „Neuen Rheinischen Zeitung“, die ebenfalls auf einem Vortrag basieren und eine Vorarbeit zum „Kapital“ sind. Der Text ist somit eine verständliche Einführung in die politischen Gesetze des Kapitalismus.
Fragen zur Diskussion:
- Was ist eine Ware? Welche Eigenschaften muss ein Produkt haben, damit es eine Ware ist?
- Was sind Gebrauchswert und Tauschwert?
- Welches Verhältnis besteht zwischen dem Wert einer Ware und dem Preis einer Ware?
- Wie ist das Geld entstanden und welche Funktion hat es?
- Wie wird Mehrwert produziert?
- Wie bestimmt sich der Wert der Ware Arbeitskraft?
- Wie unterscheidet sich dieser vom Arbeitslohn?
W.I. Lenin
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus
110 Seiten, 1916
Seit Marx‘ Zeiten ist einiges passiert – der Kapitalismus hat sich verändert. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, analysierte Lenin diese Veränderungen: Die Herausbildung großer Monopole und den Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium, in dem er bis heute ist. Für das Verständnis unserer heutigen Welt und besonders der immer wieder entstehenden imperialistischen Kriege ein zentrales Werk.
Fragen zur Diskussion:
- Was sind Monopole? Heben Monopole die Konkurrenz auf?
- Warum verändert sich die Rolle der Banken und was ist das Finanzkapital?
- Was ist Kapitalexport und was sind seine Ursachen?
- Was ist die kleinbürgerliche Kritik am Imperialismus und warum bilden ihre Schlussfolgerungen einen Teufelskreis?
- Welche Tendenzen entstehen im monopolitischen Kapitalismus? Was meint die Tendenz zur Stagnation & Fäulnis?
- Was ist unter der Verbürgerlichung der Arbeiterklasse zu verstehen?
- Warum beinhaltet der Imperialismus den Krieg?
W.I. Lenin
Staat und Revolution
114 Seiten, 1917
Die zentrale Schrift der marxistischen Staatstheorie: Was ist der Staat und was passiert mit ihm im Sozialismus und im Kommunismus? Anhand der Geschichte der Bewegung – der Pariser Kommune und den Anmerkungen von Marx und Engels dazu – formuliert Lenin im Eifer des revolutionären Prozesses in Russland Antworten auf diese Fragen.
Fragen zur Diskussion:
- Unter welchen historischen Bedingungen ist der Staat entstanden und welche Funktion erfüllt er? Steht er über den Klassen?
- Was bedeutet der Begriff des „ideellen Gesamtkapitalisten“?
- Lenin nennt die demokratische Republik die „denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus“. Heißt das, der Kapitalismus kann keine andere politische Hülle einnehmen?
- Was ist die Diktatur des Proletariats?
- Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus? Was ist das Verteilungsprinzip von Sozialismus und Kommunismus?
Friedrich Engels
Der Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staats
143 Seiten, 1884
Clara Zetkin, eine der wichtigsten Führerinnen der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland, bezeichnete diesen Text als „von grundlegender Bedeutung für den Befreiungskampf des gesamten weiblichen Geschlechts.“ Hier werden die Grundlagen der Herausbildung des Privateigentums und des Staates historisch nachgezeichnet und die Grundlagen auch für die marxistische Theorie der Frauenbefreiung gelegt, indem der Ursprung ihrer Unterdrückung ergründet wird.
Fragen zur Diskussion:
- Wie hängen das Entstehen des Privateigentums und des Staates mit der der Familie und der Unterdrückung der Frau zusammen?
- „Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren.“ Was heißt das?
- Inwiefern kann die sozialistische Revolution der Hebel zur Befreiung der Frau sein?
W.I. Lenin
Was tun?
186 Seiten, 1902
Dieses Buch entstand in den Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie Anfang des letzten Jahrhunderts: Lenin legt dar, wie eine revolutionäre Partei aussehen muss, was ihre Aufgaben im Klassenkampf sind und welche Rolle die Theorie für sie spielen muss. Seine Ausarbeitungen waren die Grundlage, auf der später die Kommunistische Partei in Russland entstand. In den 1920ern nahmen zahlreiche kommunistische Parteien weltweit die hier erstmals dargelegten Prinzipien zur Grundlage.
Fragen zur Diskussion:
- Warum reicht ein spontanes Bewusstsein der Arbeiterklasse nicht aus und welche Rolle spielen die Kommunisten im Klassenkampf?
- Welche Organisationsformen kann die Arbeiterklasse annehmen und welche Rolle spielt dabei eine Partei?
- Warum ist die Arbeiterklasse das revolutionäre Subjekt und welche Rolle spielen andere Gruppen in der Gesellschaft?
- Welche Rolle spielt der ideologische Kampf gegen den Revisionismus und Opportunismus? Wer sind die hauptsächlichen Adressaten dafür heute in Deutschland?
W.I. Lenin
Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus
91 Seiten, 1920
Ein Untertitel im Manuskript dieses Textes war: „Versuch einer Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik“. Und genau das ist es: In der Auseinandersetzung mit den Kommunisten in Deutschland legt Lenin hier anhand von Beispielen wie der Arbeit in Gewerkschaften, Parlamenten oder dem Verhältnis zu Kompromissen dar, wie Kommunisten sich im Klassenkampf verhalten müssen.
Fragen zur Diskussion:
- Was sind die welthistorisch relevanten Erfahrungen der Bolschewiki und welche Gültigkeit haben sie für Kommunisten heute?
- Wie äußert sich der „linke Radikalismus“ in Bezug auf…
- … das Verhältnis von Führer – Partei – Klasse – Masse? Und was setzt Lenin dem entgegen?
- … die Arbeit in den Gewerkschaften? Und was setzt Lenin dem entgegen?
- … die Arbeit in Parlamenten? Und was setzt Lenin dem entgegen?
- … auf den Charakter von Kompromissen? Und was setzt Lenin dem entgegen?